Löse ich meine Panik durch Selbstbeobachtung selbst aus?
Jemand hat gefragt: Wie ist es, wenn man sich immer wieder selbst in die Panik bringt, durch Selbstbeobachtung? Ich habe Symptome, weil ich Angst habe, dass Symptome auftreten. Haben Symptome bei Angststörungen eine Bedeutung, und sind sie zugleich ein Schutz?
Selbstbeobachtung ist trainiert, nicht defekt
Was kann ich gegen diese Selbstbeobachtung tun? Das gehört in unser typisches Trainingsmuster. In sich hineinzuhorchen ist uns angeboren und grundsätzlich gesund. Aber wie alles in unserer Wahrnehmung lässt es sich trainieren. Wenn uns ein Ereignis einmal dahin gebracht hat, stärker nach innen zu horchen, weil da Panik war oder ein anderes Phänomen uns geärgert hat, lernen wir, mehr auf die innere Wahrnehmung zu achten als auf das, was um uns herum ist.
Wirst du durch Selbstbeobachtung immer wieder auf deine Symptome gestoßen, ist das keine Krankheit und kein Defizit, sondern ein Zeichen, dass du im Moment noch darauf trainiert bist, so zu reagieren. Die Frage ist: Hast du dir schon einen anderen Umgang antrainiert? Ein Muskel wird nicht größer, wenn du ihn nicht trainierst, so funktioniert auch der Kopf nicht. Du darfst also lernen, deine Selbstwahrnehmung zu unterbrechen. Erst erkennst du die typischen Momente, in denen du dich ständig auf Symptome filterst, dann bereitest du dir etwas vor, dieses „Ass aus dem Ärmel", das du in der Notsituation hervorholen kannst. Einen guten Plan schmiedet man bewusst, gib dir dafür etwas Zeit.
Haben Ängste eine tiefere Bedeutung?
Können wir aus Ängsten eine höhere Bedeutung ziehen? Ich würde sagen nein. Wir können lernen, die Sprache unseres Körpers zu verstehen, aber Körper und Kopf haben keine eigenständige Logik, der wir eine Botschaft zuschreiben dürften. Unser Kopf verarbeitet impulshaft, und die Muster, die auftauchen, gehören einfach zu uns. Wir nennen sie Ängste, aber dahinter steckt keine tiefere Bedeutung. Es sind normale Befürchtungsmuster, die in ihrer rudimentären Grundstruktur unseren Vorfahren beim Überleben geholfen haben, dahinter steckt kein Sinn, den wir hineininterpretieren müssten.
Deshalb ist es wichtig, die Angst nicht zu bekämpfen oder zu besiegen, sondern ihr Raum zu geben, sich ihr zuzuwenden und klug zu nutzen, was wir wahrnehmen.
Das Lawinen-Beispiel
Ich gehe hier am Berg entlang, und mir kommt die Befürchtung: Was ist, wenn beim nächsten Skifahren eines der Kinder von einer Lawine verschüttet wird? Dieses Bild habe ich nicht bewusst erzeugt, trotzdem ist es da. Renne ich davor weg oder klassifiziere die Angst als Symptom einer Störung, erlebe ich mehr Symptomatik, und mein Kopf bleibt unbefriedigt.
Also löse ich es auf: Erster Gedanke, eine Lawinenschaufel mitnehmen, braucht aber viel Platz. Zweiter Gedanke, nur auf befestigten Pisten fahren, mache ich ohnehin. Dritter Gedanke, morgens in den Lawinenbericht schauen und in Skigebieten mit Kindern genauer prüfen, welche Gefahren an dem Tag bestehen, um ein größtmögliches Maß an Sicherheit zu erreichen, ein hundertprozentiges gibt es nicht. Dann sagt mein Kopf: Passt, und der Befürchtungsgedanke ist weg. Die meisten Befürchtungsgedanken sind eben vollkommen normale, gesunde Produkte deines Kopfes.
Symptom oder Angst zuerst? Weg von der Linearität
In der Psychologie ist man sich teils nicht einig, ob Angst ein Reflex, ein Gefühl oder eine Emotion ist. Genau dieser Streit unter Experten ist einer der Gründe, warum ich meine akademischen Psychologiebestrebungen an den Nagel gehängt habe, ich wollte Menschen helfen, nicht über Thesen streiten. Wichtig ist mir, von der Linearität wegzukommen, also von der Frage, ob erst die Ansteuerung und dann die Symptome kommen oder erst das Symptom und daraus die Angst. In der Praxis schaue ich zuerst neutral: Welche Phänomene sind da, welche Bilder, welche inneren Stimmen, ohne sofort zu bewerten? Und dann zeigt sich ganz oft, dass die Angst und die Symptome sehr adäquat sind, nicht unlogisch. Die Ängste, die wir erleben, sind als Reaktion auf das, was wir im Kopf erlebt haben, fast immer eine logische, angemessene Antwort.
Wie Selbstbeobachtung, Befürchtungen und der kluge Umgang damit zusammenhängen, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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