Keine Stresshormone = keine Angst = keine Symptome?
Jimbo hat mit nur 19 Jahren zu einem Video über Schwindel, Panik und Schmerzen geschrieben: Verstehe ich das richtig, keine Stresshormone gleich keine Angst, keine Angst gleich keine Symptome? Das ist eine ziemlich gute Frage, und wie bei vielen Fragen möchte ich sie zuerst mit euch durchdenken, um zu sehen, ob wir sie so stehen lassen oder in eine etwas andere Richtung gehen.
„Keine Stresshormone" gibt es gar nicht
Das wäre schön, wenn die Gleichung so aufginge. Gehen wir die Faktoren durch: Keine Stresshormone, das geht gar nicht. Eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen geht mit verschiedenen Symptomen einher und wird losgetreten, wenn wir auf der inneren Verarbeitungsebene eine Belastung erleben, oder auf der äußeren. Stehe ich am Steinbruch und höre hinter mir plötzlich Geröll klimpern, greife ich zur Kamera und renne, das lässt uns sofort in eine starke Stresshormonausschüttung laufen. Und innere Probleme, die wir nicht lösen oder abgrenzen können, schütten immer mehr Stresshormone aus. Nur sind die Stresshormone immer da, ein Teil davon sind die Katecholamine, die den Organismus am Laufen halten.
Eine Metapher: Startest du den Motor eines Autos, bringt die Batterie über einen kleinen Elektromotor den Verbrenner in Drehung, der läuft dann im Standgas, je nach Verbrauchern versorgt die Lichtmaschine Klimaanlage, Radio und Heizung, und das Auto reguliert sich in einer engen Range. Genauso läuft unser Körper, wenn wir entspannt sitzen, im Standgas, und müssen wir mehr Leistung abrufen, geht die Kurve hoch, der Puls beschleunigt, die Gefäße verengen sich, die Atmung wird schneller, eine Mehrausschüttung der Katecholamine beschleunigt den Organismus. Trittst du aufs Gas, verlässt du das Standgas und die Drehzahl steigt. „Keine Stresshormone" gibt es also nicht, uns interessiert ein normales Konzentrationsverhältnis im Blut, und damit geht einher, dass wir kein körperliches Angstgefühl haben.
Denn du kannst keine Angst vor etwas haben, und trotzdem fährt dein Organismus die Ausschüttung hoch, du bekommst ein körperliches Angstphänomen. Das kennt man etwa von einem Bad Trip bei Marihuana, gerade die Kekse sind schwer dosierbar, der Körper fährt die Ausschüttung extrem hoch, ganz ohne kognitiven Auslöser, und daraus entstehen dann negative gedankliche Wahrnehmungen, Horrorgedanken. Ein normales Maß an Stresshormon geht mit einer normalen Empfindung auf der Angstskala einher.
Ein Symptom ist Sensation plus Bewertung
„Keine Angst gleich keine Symptome" kommt auf den Betroffenen an, denn was sind seine Symptome? Jemand steigt auf seine Worst-Case-Gedanken, auf seinen Tinnitus oder auf seine Zukunft. Machen wir den Begriff Symptom runder: Die meisten haben kein Problem mit dem Symptom an sich. Mein Basisbeispiel ist mein Tinnitus. Ich höre ihn gerade, weil ich darüber spreche, aber er behindert mich nicht, ich kann hier langlaufen, die Natur anschauen, ein Video machen. Der Tinnitus als medizinische Sensation ist kein Problem, zum Problem wird der Mensch, dessen Gehirn die Sensation bewertet, oh mein Gott, wie schlimm, Tinnitus auf beiden Ohren. Ich trage ihn seit zwölf Jahren ohne Probleme (siehe das Video, wie ich meinen Tinnitus umgehe).
Entscheidend: Das Ziel sollte nicht sein, keine Stresshormone, keine Angst und keine Symptome zu haben, denn ein Symptom ist eine Zusammensetzung aus Sensation plus Bewertung. Hast du weniger Stresshormon im Blut, hast du nicht automatisch eine andere Bewertung deiner Sensation. Keine Stresshormone mehr zu erleben heißt nicht, dass du gedanklich und von der Neuroplastizität her automatisch umtrainiert bist.
Freude ist ein Feedback auf Veränderung
Dasselbe gilt für Depression und Angststörung. Du hast keine Angststörung, weil du daran erkrankt bist und deshalb Symptome bekommst. In der Gesellschaft steht die Diskussion im Raum, die einen sagen, du musst Medikamente nehmen, weil bei einer Depression ein Missverhältnis bestimmter Stoffe vorliege, das hat sich nie bewahrheitet, wurde aber von vielen aufgegriffen. Überleg mal: Wenn Antidepressiva so funktionierten, wie sie angepriesen werden, warum hätten wir dann die Therapeuten- und Klinikdichte?
Ein Gedankenexperiment: Wir nehmen dir deine Depression weg, Frage, hast du dahinter ein cooles Leben? Die Leute antworten an der Frage vorbei, dass sie sich total freuen. Aber Freude ist ein Feedback auf Veränderung. Sind deine Symptome weg, freust du dich natürlich, aber du freust dich morgen noch, übermorgen weniger, und am dritten Tag kommen die Zweifel, warum ist das jetzt eigentlich alles weg. Uns geht es nicht gut, weil die Symptome weg sind, uns geht es gut, weil wir unser Leben mögen.
Nicht Stresshormone vermeiden, die Bewertung ändern
Zurück zur Frage: Es ist nicht so einfach und nicht so schwer. Schauen wir zu stark auf das Thema Stresshormone, bringt uns das im Alltag ein Gefühl des Scheiterns, weil ich reflektiere, mein Körper schüttet gerade Stresshormone aus, obwohl ich das nicht will. Dabei weiß dein Körper, was er tut, es geht dich nichts an, warum er gerade Stresshormone ausschüttet, er macht das gut, so ist er gebaut, stell dir vor, du müsstest das alles selbst regulieren. Hängen wir zu nah an den Stresshormonen, fühlen wir uns gescheitert und versuchen, den Einfluss zu stark zu regulieren, das endet oft in Vermeidungsverhalten, hier muss ich aufhören, weil Stresshormone ausgeschüttet werden könnten.
Ich habe mal gehört, dass es nach der Sauna beim kalten Abduschen zu Blutdruckspitzen kommen kann, die einen Tinnitus auslösen, seitdem habe ich eine gute Entschuldigung, nach der Sauna normal zu duschen und den Eiseimer zu meiden, aber ihr versteht, was ich meine. Ich will nicht, dass ihr ins Vermeidungsverhalten rutscht, das bringt nichts, ihr könnt noch so gut vermeiden und bekommt dadurch keine anderen Bewertungen im Kopf, die gilt es zu trainieren. „Keine Stresshormone gleich keine Angst gleich keine Symptome" kann man ganz grob so sagen, aber wichtiger ist der Weg dorthin, und der führt nicht über die Vermeidung von Stresshormonen, sondern über den Eingriff vor allem in die Bewertungsebenen, und das hängt auch vom persönlichen Hintergrund ab.
Wie du statt an den Stresshormonen an deinen Bewertungen ansetzt, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du willst deine Symptome nicht nur vermeiden, sondern anders bewerten lernen? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.
Ob und wie du Medikamente wie ein Antidepressivum nimmst, änderst oder absetzt, entscheidest du immer mit deinem Arzt, nicht eigenständig.