Kein Auslöser erkennbar, trotzdem psychisch? Schwindel und Benommenheit

Ein verbreiteter Irrtum ist: Wenn man eine Benommenheit hat, deren Ursache man nicht kennt, und auch kein Bild oder Szenario vor Augen hat, dann sei es keine psychische Ursache. Da müssen wir genauer hinschauen.

Derealisation, Depersonalisation, Dissoziation

Benommenheitszustände werden oft als Derealisation oder Depersonalisation beschrieben. In der ICD-10 gibt es eine gute Abgrenzung zwischen dissoziativen Zuständen im Rahmen einer dissoziativen Störung und einer echten Depersonalisation im psychiatrischen Sinne, etwa bei Schizophrenie. Bei den meisten Menschen geht es aber schlicht um einen psychisch verursachten Benommenheits- oder Unsicherheitsschwindel, der keiner dissoziativen Störung zugerechnet werden kann. Googelt man, landet man trotzdem schnell bei den dissoziativen Störungen. Wir reden hier über eine Symptomatik, die sich sehr unangenehm anfühlt, bei den allermeisten aber keinen Krankheitswert hat.

Ausschlussdiagnose, und warum kein Bild nicht „nicht psychisch" heißt

Bei Angstpatienten reicht schon der Gedanke, gleich einkaufen gehen zu müssen, und es wird einem schwindlig. Dass man die Ursache nicht kennt und kein Befürchtungsbild hat, heißt nicht, dass es nicht aus der Psyche kommt. Oft ist es eine Ausschlussdiagnose, ähnlich wie Reizdarm, eine Bezeichnung dafür, dass Beschwerden da sind, für die kein anderes Krankheitsbild passt. Beim Arzt heißt es dann, kein organischer Befund, also kommt es von der Psyche. Tatsächlich berichten die meisten Betroffenen gerade nicht die klare Wechselwirkung „Gedanke, zack, Symptom". Wo man beim Einkaufen oder Autofahren eine Panik kennt, ist Schwindel oder Benommenheit eher diffus und abstrakt und tritt zeitlich nicht eng gekoppelt auf.

Eine Skala, auf der sich die Symptome abwechseln

Stell dir eine Skala von null bis zehn vor, auf der es nach oben nicht immer stärker wird, sondern andere Symptome eine Rolle spielen. Unten vielleicht Anspannung, dann Schwindel, Benommenheit, Gangunsicherheit, gelegentlich stärkere innere Unruhe, und schließlich in Akutsituationen Unruhe mit Panik- oder Fluchtneigung. Akute Stressoren und Schwindelanfälle wechseln sich ab, und Schwindel kann in Panik umschlagen, weil man die Befürchtung mit sich trägt.

Der Weg: Psychoedukation, Reframing, Ziele

Mein Standardprozess beginnt mit Psychoedukation: Du denkst in Bildern und inneren Stimmen, die dir das dramatische Denken automatisiert liefert, meist etwas Negatives, Misserfolgsorientiertes. Dein Kopf sagt nicht „so sieht es aus, wenn alles gut wird", sondern „das müssen wir vermeiden". Du hast nicht mehr Befürchtungen als ich, wir haben nur andere Strategien. Glück ist nicht die Abwesenheit negativer Gedanken, sondern die Art, wie du mit ihnen umgehst, und Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern ihr einen Schritt voraus. Schau dir die Videos zum Reframing und dazu an, wie du aus Befürchtungen Ziele machst und Pläne schmiedest. Nicht „wenn ich das geschafft habe, erlaube ich mir glücklich zu werden", sondern der Plan selbst darf schon das gute Gefühl machen.

Konkret: Schreib eine Befürchtung auf. Nicht „ich habe Verlustangst", sondern das konkrete Bild, siehst du deine Partnerin mit gepackten Koffern und befürchtest einen Auszug statt einer Reise, kannst du zumindest fragen, ob du beim Tragen hilfst. Oder die Hypochondrie, die Angst, einen Herzinfarkt zu bekommen. Solche Befürchtungen greifen wir auf, und zwar nicht nur bei Schwindelpatienten, sondern bei jedem Menschen, denn das gehört zu uns, nur hat uns niemand beigebracht, damit umzugehen. Problemorientiertes Denken („warum habe ich so eine Angst?") führt nicht zur Lösung. Besser: aktiv werden, dir ein Zielbild machen, das repräsentiert, was du willst, das ist dein Unterbrecher, danach arbeitest du an etwas anderem weiter.

Und ein Wort zur Behandlung: Bei kassenzugelassenen Therapeuten wird selten auf dieser Ebene gearbeitet, eher diagnoseorientiert („dissoziative Störung, medikamentös behandeln"). Das sehe ich anders, viele kommen auch ohne Medikamente und größere Eingriffe gut wieder heraus.

Persönliche Integrität und die eigentliche Frage

Probleme entstehen auch dadurch, dass wir Dinge tun, die wir lassen sollten, und lassen, die wir tun sollten. Stichwort persönliche Integrität: Mache ich, was ich will, und lasse ich, was ich lassen will? Ich habe mein Leben so gestaltet, dass ich im Prinzip nur das tue, was ich tun möchte, und habe keine Benommenheit mehr. Früher im Rettungsdienst habe ich über längere Zeit einen Job gemacht, den ich nicht machen wollte, am selben Abend kam der erste Tinnitus, später der zweite. Solche Muster dürfen wir aufspüren.

Zum Schluss die eigentliche Frage. Es ist normal, stark aufs Symptom fokussiert zu sein, immer dieser Schwindel, wenn der weg wäre. Aber stell dir vor, eine gute Fee nimmt dir das Symptom für immer weg. Wärst du dann wirklich glücklich? Genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.

Wie du auch ohne klaren Auslöser an deine Muster herankommst und ins Handeln kommst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du findest den Auslöser deiner Benommenheit nicht und möchtest trotzdem weiterkommen? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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Nicht die Symptome halten dich vom Glück ab, sondern deine Bewertung

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Was, wenn ich die negativen Gedanken gar nicht bemerke?