„Ist das gerade wirklich real?" Warum diese Frage die Derealisation verstärkt
Vor einiger Zeit habe ich das Video „Autofahren, ohne darüber nachzudenken" gemacht, ein Modell, mit dem ich die Lernschritte unseres Kopfes und die alltagsdissoziativen Prozesse erkläre. Heute möchte ich es aktualisieren, ausgehend von einem Praxisgespräch: Eine junge Frau mit Derealisationshintergrund, Benommenheit und Schwindel sagte, sie mache sich Gedanken, ob sie verrückt werde, und frage sich, ist dieser Baum da wirklich gerade da?
Zuerst entschärfen
Der erste Schritt ist, die Erfahrung einzuordnen und zu entschärfen: Was du erlebst, ist ganz normal, und du darfst lernen, dich davon zu distanzieren. Dafür nutze ich das Modell der vier Lernschritte.
Warum das Gehirn automatisiert
Unser Gehirn ist begierig darauf, Dinge in den Automatismus zu überführen, denn was du automatisch machst, kostet kaum Energie. Evolutionsbiologisch ist es darauf getrimmt, keine Energie zu verschwenden. Kurzer Einschub zur Motivation: Das Gehirn reagiert auf große Ziele oder große Schmerzen, hast du beides nicht, gibt es dir wenig Energie. Ein Denkfehler ist, darauf zu warten, dass das Gehirn dich antreibt, statt dich selbst anzutreiben. Und: Kannst du etwas, willst es aber weder noch musst es, tust du es nicht. Willst du etwas, kannst es aber nicht, erlebst du es als schwierig, und schwierig heißt fehlende Kompetenz.
Die vier Lernschritte
Am Beispiel Autofahren: unbewusste Inkompetenz (du weißt nicht einmal, dass du es nicht kannst), bewusste Inkompetenz (du merkst, du kannst es nicht), bewusste Kompetenz (du kannst es, musst aber über jeden Schritt nachdenken) und schließlich unbewusste Kompetenz (du fährst, ohne nachzudenken). Dorthin will unser Gehirn immer, weil es dort am wenigsten Energie verbraucht.
Warum das mit Derealisation zu tun hat
Meine These: Unsere Realitätswahrnehmung ist ein Automatismus, eine unbewusste Kompetenz. Wir müssen nichts bewusst tun, um Realität wahrzunehmen. Wenn du dir aber mit der Zeit antrainiert hast, ständig zu fragen, ist das gerade wirklich real, dann bringst du deinem Gehirn bei, mehr darüber nachzudenken. In dem Moment, in dem dein Gehirn fragt, ist diese Wiese wirklich da, bewegst du dich in der bewussten Kompetenz, und genau damit störst du deine Realitätswahrnehmung. Je häufiger du die Frage nach Realität antrainiert hast, desto eher entstehen Probleme, bis hin zu einer Derealisation.
Vergleichbar ist die Alltagsdissoziation beim Autofahren: Du fährst und denkst nebenbei an anderes, völlig normal, dein Kopf steuert automatisch. Oder das Fahren in England auf der ungewohnten Seite, da fährst du sehr bewusst kompetent, und nach ein paar Tagen bist du wieder „drin".
Die Kernthese
Je häufiger du kontrollierst oder überprüfst, ob die Realität gerade real ist, desto unrealer nimmst du die Situation wahr. Du darfst dich stattdessen darauf trainieren, andere Fragen im Kopf größer werden zu lassen als die Frage nach der Realität, und den Fokus bewusst auf anderes zu lenken.
Wie Realitätswahrnehmung, die Lernschritte des Gehirns und Derealisation zusammenhängen und wie du deinen Fokus umlenkst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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