Herzphobie und Herzneurose: Die acht Schritte aus der Herzangst
In diesem Beitrag geht es um die Herzphobie oder Herzneurose. Im ICD-10 findet man das unter F45.2 (hypochondrische Störung) oder F45.30 (somatoforme autonome Funktionsstörung). „Herzneurose" ist ein älterer Begriff, früher galten neurotische Prozesse als heilbar, psychotische als schwerer heilbar.
Wichtig ist eine erste Differenzierung: Im ICD-10 steht nicht, dass jemand an einer Herzneurose erkrankt und deshalb Symptome bekommt. Es steht dort, dass man bei bestimmten Symptomen über eine bestimmte Zeit die Definition setzen kann. Wir erkranken also nicht an einer Herzneurose und bekommen deshalb die Symptome, sondern wir haben die Symptome, und wenn genügend Kriterien erfüllt sind, kann man dem Ganzen einen Namen geben. So ist es auch bei anderen Phobien, bei Depressionen oder Panikstörungen.
Im Folgenden gehe ich acht Schritte durch, zu denen es jeweils ein vertiefendes Video gibt.
1. Wie entsteht ein Gefühl
Unser Gehirn verarbeitet Informationen in Bildern und auditiven Mechanismen. Ein Gefühl entsteht feedbackorientiert: Wir haben nicht einfach ein Gefühl, sondern erleben etwas auf unserer inneren Verarbeitungsebene, das emotional geweckt wird. Deshalb sagen viele in der Praxis: Ich bin gesund, habe Job, Familie, Sicherheit, und trotzdem diese Ängste. Die Dinge, die uns belasten, stehen oft nicht greifbar in der Umwelt, sondern wir erleben sie innerlich in Bildern und auditiven Strukturen.
2. Der gefährliche Teller Spaghetti Bolognese
Steht ein Teller Spaghetti vor dir, fällt Licht auf die Nudeln, wird über die Netzhaut verarbeitet, und daraus entsteht deine Realitätswahrnehmung. Wir leben in der gleichen Welt, aber nicht mit derselben Wahrnehmung. Aus MRT-Untersuchungen weiß man: Denkst du nur an den Teller, ohne echten Reiz, läuft im visuellen Zentrum derselbe Prozess ab. Ein Problem, das im Kopf wahrnehmbar wird, wächst, wenn es unlösbar scheint und die Gefahr unklar ist. Dann schüttet der Körper Stresshormone aus, um das Überleben zu sichern. Diese lassen sich durch Gedanken gut ausschütten, aber nicht durch andere Gedanken wieder zurückholen. Deshalb zählt vor allem, was auf der inneren Verarbeitungsebene präsent ist.
3. Sorgen und Befürchtungen aufschreiben
Schreiben wir Befürchtungen auf, entsteht eine innere Distanzierung. Unser Denken ist von automatischen Prozessen geprägt, das Gehirn denkt den ganzen Tag automatisiert und suggeriert, wir würden das alles selbst denken. Das Aufschreiben unterbricht diesen Automatismus und liefert danach eher lösungs- statt problemorientierte Inhalte. Schreib deine konkreten herzbezogenen Befürchtungen in klarem Klartext auf.
4. Wie können wir Extrasystolen spüren
Medizinisch würde man annehmen, dass wir Herzschlag und Extrasystolen kaum spüren, weil die Nervenversorgung dort dünn ist und wir das Herz nicht steuern müssen. Trotzdem gibt es Menschen, die eine Extrasystole spüren, die zugleich im EKG sichtbar ist. Unser Kopf empfängt viele Signale vom Herzen, aber über 99,9 Prozent werden nicht in die Wahrnehmung integriert, sonst funktionierte unsere Realitätswahrnehmung nicht. Und wir glauben an das, was wir am häufigsten wahrnehmen. Trainieren wir das Gehirn darauf zu achten, lernen wir, die Herzaktivität zu spüren, so wie deine Nase, die du eigentlich siehst, dein Gehirn aber herausrechnet.
5. Vertrauen in den eigenen Körper
Ein „Gefühl" wie Vertrauen in den eigenen Körper ist eigentlich kein Gefühl an sich wie Schmerz oder Temperatur, sondern eine Zusammensetzung: Ich spüre etwas, dazu kommt eine automatisierte Bewertung, darauf baut das Gefühl auf. Vertrauen ist vor allem an der Präsenz bestimmter Gedanken herleitbar: Ich vertraue meinem Körper, weil mein Kopf mir das sagt. Die Frage lautet also: Wie bringen wir möglichst oft körpervertrauensorientierte Gedanken in unsere automatisierte Wahrnehmung, gerade bei einer ärztlich geprüften Herzgesundheit? Einen Schalter dafür gibt es nicht, auch keine Methode, die ihn umlegt. Der erste Gedanke reagiert oft mit „Ich kann meinem Körper nicht vertrauen, der macht, was er will". Natürlich macht er, was er will, das ist gut so, Kontrolle hast du nur über die Skelettmuskulatur, den Rest macht dein Körper von allein.
6. Anfangen, mit sich selbst zu sprechen
Es ist eigentlich einfach: Sprich die Dinge, die du hören möchtest, selbst aus. Der Haken ist, dass dein Kopf dich davon abhalten will und einwendet: Das funktioniert doch nicht, ich fühle mich noch nicht danach. Sätze wie „Ich bin herzgesund, ich vertraue meinem Körper, ich arbeite auf meine Ziele hin, egal ob mein Herz gerade Angst macht" sagst du dir nicht, weil du dich schon so fühlst, sondern weil das die Richtung ist, in die du dich entwickeln willst.
7. Suchst du noch nach dem einen Symptom
Grob geschätzt denken wir am Tag rund 60.000 Gedanken, davon nur etwa fünf Prozent neu. Dinge sind nicht wegen deiner Kindheit da, sondern wegen gestern. Gehst du morgens direkt auf Symptomsuche, hast du das oft am Vortag mit angelegt. Bild dazu: Hast du ein Flugzeug über den Steuerknüppel in den Steigflug gebracht und lässt los, bleibt es im Steigflug, es geht nicht von allein in die Gerade. Genauso reicht es, auf Symptome trainiert zu sein, damit sie immer wieder impulshaft auftauchen. Die Frage ist, ob du schon neue Strukturen programmiert hast, von denen du am nächsten Tag profitierst.
8. Anschalten statt abschalten
Hilfreich ist, sich bei aufkommenden Gedanken rund um die Herzphobie im Alltag immer wieder abzulenken. Im Video „Anschalten statt abschalten" erzähle ich ein Stück meiner eigenen Symptomgeschichte und zeige leicht umsetzbare Werkzeuge, mit denen du als Strukturunterbrecher mit negativen Gedanken umgehst.
Das Wichtigste
Nicht eine Herzphobie ist der Auslöser deiner Symptome, sondern Bilder und auditive Befürchtungen in deinem Kopf, die die Beschwerden erzeugen. Da ist der gefährliche Teller Spaghetti Bolognese, der Stresshormone ausschüttet, da sind Programmierungen, die dich in die Symptomsuche schicken, und körperliche Prozesse, die schon reichen, um eine kleine Sensation zu spüren. Eine häufige Angst lautet: Was ist, wenn meine Symptome mich von einem glücklichen Leben abhalten? Doch nicht die Symptome halten dich davon ab, sondern die automatisch negative Bewertung deines Kopfes. Genau da darfst du eingreifen.
Wie Wahrnehmung, Bewertung und Herzangst zusammenhängen und wie du Schritt für Schritt vorgehst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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