Herzneurose, Bluthochdruck und 20 Jahre Stress: Antworten auf eure Kommentare
Zu meinen Videos rund um Bluthochdruck und Herz kamen mehrere spannende Kommentare, die ich hier der Reihe nach aufgreife.
20 Jahre Stress und die Sache mit der Meditation
Ein Kommentar lautet sinngemäß: Wenn ich daran denke, habe ich Extraschläge, wenn nicht, dann nicht, und zwanzig Jahre Stress kosten ihren Preis. Das stimmt. Aber schon der erste Tag mit mehr persönlicher Integrität und Arbeit an inneren Bildern bringt Veränderung. Und glaub nicht, du müsstest jetzt einfach mehr meditieren. Wenn wir ein Problem und einen Blick nach vorne haben, was bei unserem dramatisch denkenden Gehirn normal ist, arbeiten wir mit reiner Meditation am eigentlichen Auftrag vorbei, nämlich ungelöste Probleme zu bearbeiten und Ziele zu klären. Schaffe ich es dagegen, meinen Fokus auf das zu richten, was wirklich wichtig ist, und bin in einem guten Zustand, kann eine Meditation obendrauf sinnvoll sein. Progressive Muskelrelaxation lobe ich sehr, das reine Meditieren war für mich immer negativ besetzt.
Interessant: Mit der Zeit trainieren wir uns eine erhöhte Introspektionsfähigkeit an. Je mehr wir auf bestimmte Körpervorgänge achten, desto stärker nehmen wir sie wahr, und weil wir dabei nur mit uns selbst kommunizieren, steigern wir uns in negative Bewertungen hinein. Distanz entsteht aber nicht aus der Distanz von etwas, sondern aus der Nähe zu etwas. „Ich will nicht mehr daran denken" funktioniert nicht, du brauchst etwas, worauf du deinen Fokus bewusst richten kannst. So verlernt der Kopf mit der Zeit, ständig zu prüfen, ob das Herz gerade einen Extraschlag macht.
Herzneurose und der Effekt einer Kur
Nächster Kommentar: Ich habe seit dreißig Jahren eine Herzneurose, nach zwei Kuren hatte ich sie gut im Griff, seit einem Jahr geht es wieder los, jetzt kommt hoher Blutdruck mit Betablockern dazu, die ich schlecht vertrage. Ich kenne dich nicht und mutmaße nur. „Herzneurose" ist ein historischer Begriff und heißt nur, dass jemand viele Ängste rund um das Herz erlebt. Nicht die Herzneurose verursacht die Ängste, sondern weil wir solche Muster sehen, geben wir ihnen einen Namen, genau wie Depressivität, etwas größer gefasst, als Depression diagnostiziert wird.
Eine Kur bringt dich vermutlich nicht dazu, die Herzneurose „im Griff" zu haben, sondern sie war danach schlicht viel weniger präsent. Das ist der entscheidende Unterschied. Du bist mit bestimmten Bildern und Bewertungen hineingegangen und mit anderen wieder heraus. Eine Symptomatik ist nicht Ausdruck einer Krankheit, sondern antrainierter Denkprozesse, und die wurden durch den Aufenthalt oder eine Rückmeldung verändert. Es war also nicht besser, weil die Herzneurose besser im Griff war, sondern weil hilfreichere Gedanken präsenter waren. Eine echte Entlastung erlebst du, wenn du dir antrainierst, den Fokus im Alltag bewusst zu lenken. Dafür braucht es keine neue Kur und kein zusätzliches Antidepressivum.
Bluthochdruck: das Weißkittelsyndrom
Weitere Kommentare: Fast alle Ärzte messen falsch und lassen dich nicht zur Ruhe kommen. Und: Ich hatte nie ein Problem mit dem Blutdruck, aber mein Arzt macht eines daraus, die Medikamente machen mehr Probleme als der Blutdruck, bei mir ist es der Stress.
Zwei Effekte dominieren. Erstens das Weißkittelsyndrom: nicht unbedingt Angst vor Menschen im weißen Kittel, sondern eine messbare Stresshormonausschüttung in der Messsituation. Der Blutdruck steigt, und man landet in Bereichen, die als behandlungsbedürftig gelten. Ich bin mit einem Klienten konsequent drangeblieben. Das Ziel war, den Weißkittel-Effekt einzugrenzen, um sauber ausdiagnostizieren zu können, ob wirklich ein manifester Bluthochdruck vorliegt. Denn Bluthochdruck ist der stille Killer, erste diffuse Zeichen wie morgendliche Kopfschmerzen oder Nasenbluten treten oft erst bei bestehenden Organschäden auf, manchmal sieht der Augenarzt erste Netzhautschäden. Das wollen wir vermeiden.
Der Trick beim Selbstmessen: Wir glauben an das, was wir am häufigsten erleben. Miss deshalb nicht nur einmal, sondern drei- oder viermal, nimm dir Zeit und komm zwischendurch zwei Minuten zur Ruhe. Ein günstiges Gerät reicht, es geht nicht um die exakte Validierung, sondern um den Mechanismus: Du siehst, dass der Wert nach kurzer Ruhe ein anderer ist als bei der Sofortmessung. So lässt sich das Weißkittelsyndrom eingrenzen. Wenn beim dritten und vierten Mal 118 zu 72 steht, liegt kein manifester Bluthochdruck vor. Das ging bei meinem Klienten letztlich an einem einzigen Tag.
Wenn der Bluthochdruck echt ist
Das zweite Beispiel: eine Patientin mit tatsächlich medikamentös einzustellendem Bluthochdruck, niedrig dosiert. Sie beschäftigte sich ständig mit den Medikamenten, wollte sie nicht nehmen, und hatte zugleich ein Weißkittelsyndrom. Ein Kardiologe bestätigte über die 24-Stunden-Messung: Die Werte sind zu hoch, die Medikation passt.
Wichtig: In der Regel ist der Arzt der Spezialist. Kommst du mit einer verordneten Dosierung körperlich gut zurecht, gibt es keinen Grund, das ohne Anlass infrage zu stellen. Hast du Probleme mit der Medikation, ist der verschreibende Arzt der erste Ansprechpartner. Die Selbstmessung zu lernen lohnt sich, sie ist ohnehin zentraler Bestandteil der Diagnostik. Familiär prädisponierter Bluthochdruck ist übrigens häufig, an ihn kommt man mit Sport und salzarmer Ernährung nicht immer heran, dann helfen Medikamente, das Risiko schwerer Folgeschäden deutlich zu senken.
Kurz zu den Werten: Der systolische Wert ist die Druckspitze, mit der das Herz das Blut in die Arterien treibt, der diastolische der Restdruck im geschlossenen System. Wie bei einer Gartenpumpe: Läuft sie, ist das der systolische Druck, schaltest du sie ab, bleibt im geschlossenen System ein Restdruck. Verlieren die Gefäße über Jahre durch Nikotin, Alkohol und Dauerstress an Flexibilität, steigt der Druck. Ein komplexes System, das immer der Hausarzt gut abklären sollte.
Auf der Ebene der Angstverarbeitung kannst du viel lernen: wie diese Angstbezogenheit entsteht und worauf du achten solltest. Schau dir dazu das Video an, wie du mit Befürchtungen umgehst.
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