Habe ich wirklich Panikattacken, oder ist es etwas Schlimmeres?

Ein Zuschauer schreibt mir: Was mich sehr belastet, ist, dass ich nicht weiß, ob meine Panikattacken wirklich Panikattacken sind. Ich habe so gut wie nie Herzrasen, die Attacken kommen meist, wenn ich vorher in ängstlichen Gedanken war, also nicht plötzlich, es fühlt sich wie ein Fass an, wird immer heftiger, und ich fange an, innerlich zu zittern, als würde ich frieren. Ist das eine Panikattacke, oder etwas Schlimmeres? Ich denke immer, bei mir ist es etwas Spezielles, und bin verzweifelt und hoffnungslos.

Das passt typisch zu einer Panikstörung

Die Symptome, die du beschreibst, sind relativ typisch für eine Panikstörung. In der ICD-10 gibt es die passende Diagnose, episodisch paroxysmale Panikstörung, dafür braucht es genug Attacken über Monate und keinen klaren Auslöser. Hättest du immer Panik, wenn dich jemand ins Löwengehege sperrt, wäre das eine spezifische Phobie oder eine adäquate Angstreaktion, nicht das Gemeinte. Deine Beschreibung passt gut in den normalen Kontext einer Panikstörung.

Es ist die Symptomatik, die wir sehen, wenn der Sympathikus aktiviert wird. Der ist nie ganz aus, ein gewisser sympathischer Anteil ist immer aktiv, damit Herz, Atmung und Gefäßtonus zur Situation passen. Wichtig: Diese Symptome kommen nicht aus einem Entgleiten der körperlichen Korrektheit, sondern sind ein autonomes, adäquates Reagieren deines Körpers auf das, was gerade passiert, ein Reaktionsmechanismus. Stehst du auf und wird dir schwindlig, muss der Kreislauf nachkommen. Spürst du einen Schlag in der Brust und kurz einen Dusel, war es vielleicht eine Extrasystole, der Körper hat kurz mehr Puls gebraucht, alles normal.

Problematisch wird es, wenn das automatisierte dramatische Bewerten einsetzt. Statt „das war bestimmt etwas Gesundes" legt das dramatische Gehirn eine Bewertung auf das eigene Agieren oben drauf, nach dem Motto, kriegst du da nicht etwas Exotisches? Dabei sind es körperliche Vorgänge, die ganz rudimentär zu einer Stresshormonreaktion passen, einer Sympathikusreizung, einer Angstreaktion.

Woher kommt das?

Die Frage, hast du etwas falsch gemacht, greift zu kurz, mit einer kleinen Korrektur lässt sich unser heutiges Leben nicht geraderücken. Unser Körper ist der Zeit viele Jahrtausende hinterher, die soziale Evolution ist vor rund 10.000 Jahren explodiert, und wir benutzen unseren Körper heute anders, als er gebaut ist. Er ist nicht dafür gemacht, 60 Stunden die Woche zu arbeiten, ohne Ausgleich, nur im Kopf, und am Wochenende kurz zu regenerieren. Es ist komplexer, weil es viele Lebensbereiche betrifft, und zugleich einfach, weil es im Kern darum geht: Erlebe ich hier und jetzt einen Zustand, der mir guttut, konsumiere ich etwas, das mir ein gutes Gefühl bringt? Ich versuche, jeden Moment etwas zu konsumieren, das mir ein gutes und nachhaltiges Gefühl bringt, Kaffee, gute Gespräche. Als ich in meinem alten Job nachts einen Urlaubsantrag abschicken musste, damit mir Kollegen nicht zuvorkommen, hatte ich keine Lust mehr, daher die Selbstständigkeit.

Die eigentliche Frage

Stell dir vor, deine Panikattacken wären komplett weg und auch alles andere Belastende aus deinem Leben raus, hättest du dann ein glückliches Leben? In der Rückschau auf meine eigene Zeit mit Tinnitus und Schwankschwindel würde ich sagen: Damals waren die Sorgen im Kopf sehr präsent, aus heutiger Sicht hätte ich sie mir nie machen müssen. Auch beim Thema Perfektionismus zeigt sich das: Wer immer 150 Prozent gibt, tut das meist nicht aus Begeisterung, sondern aus Vermeidung, weil er sonst fürchtet, einen Kopf kürzer gemacht zu werden, oder weil er nicht weiß, wann 100 Prozent erreicht sind.

Erst abklären, dann an den Mustern arbeiten

Dein Kopf sagt vielleicht, aber was, wenn es doch etwas Ernstes ist, das gehört mit dazu. Deshalb: Neu auftretende Symptome abklären lassen, und sagt der Facharzt, da ist nichts, dann nimm das auch deutlich mit. Dann geh in die Muster: Was gibt mir immer wieder diesen Panik- und Stressmoment? Schreib es auf, das ist extrem wichtig, um Entlastung und eine andere Perspektive zu bekommen und lösungsorientiert denken zu können.

Dein Gehirn kann dramatisch denken, weil es darauf trainiert ist und gern automatisch arbeitet. Aber es kann dir nicht im selben Moment eine Befürchtung sagen, wenn du mit lauter Stimme deine Zieldefinition formulierst. Aus deinen Befürchtungen lassen sich Zielaspekte ableiten, die Bestand haben sollen. Niemand plant seine Zukunft aus Misserfolgen, auf Social Media postet auch keiner Misserfolge. Und wenn der Kopf fragt, aber was, wenn es doch organisch ist, dann gilt wieder: abklären, und sonst neue Gedanken trainieren. Denn wir glauben an das, was wir am häufigsten gehört haben. Wie oft hast du deine Befürchtung gehört, und wie oft schon aktiv etwas anderes vorgesprochen? Das ist wie eine Spurrille auf der Autobahn: Es ist egal, welcher Lkw sie zuerst gefahren hat, mit der Zeit fahren alle in die Rille, bis es ein Selbstläufer wird. Genauso funktioniert dein Gehirn. Deine Gedanken sind entweder evolutionsbiologisch antrainiert oder ins Routinemuster eingeübt, und ohne bewusste Kontrolle entwickelt sich das zwar irgendwie, aber nicht planbar.

Die Frage ist also nicht, ob das funktioniert, sondern ob du dich hinstellst und anfängst, andere Dinge zu sagen. Wir formulieren nicht um, weil wir uns danach fühlen, sondern weil wir lernen umzuformulieren, auch gegen den inneren Widerstand. Wir kennzeichnen nichts objektiv Falsches als wichtig und dürfen Zwischenschritte einführen, abgratulieren, aber wir programmieren uns Dinge bewusst ein, indem wir sie laut und deutlich formulieren, nach außen oder nach innen, damit wir uns in der Folge anders fühlen.

Wie du erkennst, dass deine Symptome dazugehören, und deine Denkmuster umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du fragst dich, ob du wirklich Panikattacken hast, und möchtest an den Mustern dahinter arbeiten? Lass uns das gemeinsam angehen, nach ärztlicher Abklärung. Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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