Habe ich Extrasystolen? Warum dein Herz springt und wie du aus der Angst herauskommst

Habe ich Extrasystolen? Warum springt mein Herz? Was sind das für komische Gefühle in meiner Brust? Das ist ein häufiges Phänomen, in den Kommentaren wie bei Klienten: Mein Herz stolpert, mein Herz springt. Häufig fassen wir das unter dem Begriff Palpitationen. Das fühlt sich oft sehr bedrohlich an, hat aber in den allermeisten Fällen einen ungefährlichen Hintergrund. Das eigentliche Problem ist meist nicht, dass wirklich etwas am Herzen ist, sondern eine stark erhöhte Wahrnehmung.

Häufig steht mehr im Raum

Es gibt viele Formen, wie Betroffene das erleben, ein Springen, ein Zucken, das Gefühl eines Schlags. Oft steht noch eine andere Symptomatik im Raum: Unwohlsein, kaltschweißige Haut, ein Sehen wie durch einen Tunnel, wacklige Knie, das Gefühl, über Wolken zu laufen. Vieles davon lässt sich einer Angst oder Paniksituation zuordnen.

Stresshormone und das Fight-or-Flight-Prinzip

Vordergründig haben wir eine vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen, Katecholaminen. Auslösend ist das Fight-or-Flight-Prinzip: In uns steckt noch etwas, das unseren Vorfahren beim Überleben half. Unser Gehirn unterscheidet nicht in Abstufungen, wie viel Lebensgefahr besteht, sondern digital, an oder aus. Ist es „an", geht der Herzschlag hoch, wir sind besser durchblutet, die Peripherie zieht sich zusammen, wir werden kaltschweißig. Es kommt zur Vasokonstriktion im Großhirn, daher Prüfungsblackout, Benommenheit und Schwindel. Am Herzen steigt die Schlagzahl, wir werden sinustachykard: normaler Rhythmus, aber im Sitzen Richtung 100, 120, was sich schlecht anfühlt. Genau dann horchen wir besonders genau in uns hinein.

Warum wir uns täuschen

In diesem Anspannungsmodus bekommen wir sehr genau mit, was im Körper passiert, ohne dass das, was wir zu spüren glauben, wirklich passiert. Dazu kommen manchmal Faszikulationen, ein Muskelzucken, das man als nervöses Auge kennt, tritt es im Brustmuskel auf, assoziiert man es schnell mit dem Herzen.

Über unseren Körper haben wir ohnehin wenig Kontrolle, unsere Atmung müssen wir nicht steuern, den Herzschlag können wir nicht einmal direkt steuern, und das brauchen wir auch nicht. Dinge, die wir nicht beeinflussen, sind zudem schlecht mit Nervenzellen versorgt, die verlässlich melden, was passiert. Beim Herzspringen handelt es sich deshalb häufig nicht um echte Extrasystolen, sondern wir spüren etwas, das in der Regel nicht das Herz ist. Das ist keine reine Einbildung, du hast den Eindruck, dass etwas passiert, es ist aber meist nicht das Herz.

Die erhöhte Introspektionsfähigkeit

Introspektionsfähigkeit heißt, den Blick nach innen zu richten. Patienten mit Angst und Panikstörung trainieren sich das mit der Zeit an, sie schauen viel nach innen, haben aber keine unabhängige Beurteilung der Dinge dort. Wie entsteht das? Wie beim Autofahren durchlaufen wir Lernstufen von der unbewussten Inkompetenz über die bewusste Inkompetenz und bewusste Kompetenz bis zur unbewussten Kompetenz, dorthin will unser Gehirn, weil es am wenigsten Energie kostet. Wenn wir im Alltag vermehrt nach innen schauen, trainieren wir uns diese Wahrnehmung an, denn wir glauben nicht an das, was richtig ist, sondern an das, was wir am häufigsten erlebt haben. So fragt das Gehirn irgendwann von allein: Was ist gerade mit dem Herzschlag, mit dem Bauch, mit meinem Problem?

Was Extrasystolen wirklich sind

Extrasystolen fallen in die Kategorie der Herzrhythmusstörungen, das klingt bedrohlicher, als es ist, denn auch ein nur beschleunigter Sinusrhythmus zählt schon dazu. Eine Extrasystole ist ein vorzeitiger Herzschlag. Nach dem Ort der Entstehung unterscheidet man ventrikuläre (aus der Kammer) und supraventrikuläre Extrasystolen (aus dem Vorhof). Grundsätzlich haben sie keinen Krankheitswert und entstehen banal, durch Stress oder psychoaktive Substanzen wie Nikotin, Koffein und Teein. Gesunde Menschen haben Extrasystolen, ein völlig sauberes 24-Stunden-EKG spricht nicht für Gesundheit. Ein Befund mit zwölf supraventrikulären Extrasystolen (SVES) ist völlig normal.

Im EKG sieht man: Der Extraschlag kommt zu früh (im Englischen premature), danach folgt eine kurze Pause, weil die Refraktärzeit etwas länger ist, und dann geht es normal weiter. Es gibt keine großen Lücken und keinen besonders heftigen Schlag, die Herzkraft sieht man im EKG ohnehin nicht. Wichtig: Die anderen Herzschläge merkst du auch nicht, und diesen Extraschlag bemerken die meisten Patienten gar nicht.

Zur Therapie: Bei Herzgesunden ohne Vorerkrankung besteht fast unabhängig von der Zahl keine Therapieindikation. Erst ab teils über 20.000 Extrasystolen am Tag werden regelmäßige Kontrollen empfohlen, 20.000, nicht sieben, nicht zwölf.

Wie du aus der Angstspirale herauskommst

Um herauszukommen, muss man erkennen, wie man hineingekommen ist. Die Ängste sind nicht da, weil dort wirklich etwas ist. Es geht nicht um den Streit, ob man eine Extrasystole spüren kann, sondern darum, die eigene Wahrnehmung respektvoll aufzugreifen. Entscheidend ist die Bewertung: Jemand ist darauf trainiert, sehr genau nach innen zu spüren und dem Wahrgenommenen eine bedrohliche Bedeutung zuzuschreiben. Ein Gefühl wie Angst ist ein Feedback auf vorhergehende Prozesse, auf Bilder vor dem inneren Auge und auf das, was wir uns innerlich einreden.

Neben psychoedukativer Aufklärung und Entmystifizierung geht es vor allem um den Umgang mit Befürchtungen. Dein Kopf sagt: Was ist, wenn wir herzkrank sind? Das ist nicht die Störung, das Problem ist, dass du dann dasitzt und denkst, ja, und was ist dann? Setze deinen Befürchtungen Ziele entgegen, denn jede Befürchtung ist der Repräsentant eines noch nicht definierten Ziels. Unsere Energie folgt dem Fokus, und wir können nicht nicht verarbeiten. Sagst du „ich will bloß nicht herzkrank werden", hast du kein positives Bild vor Augen. Finde zuerst die Ruhe, dich der Befürchtung zuzuwenden, was genau befürchte ich, und frage dann, was stattdessen passieren soll. Es geht um die quantitative Komponente: Wir glauben an das, was wir am häufigsten gehört, gesehen und gemacht haben.

Der Umgang mit Befürchtungen ist nicht dazu da, für immer Ruhe zu haben, denn ein gesundes, dramatisch denkendes Gehirn wird dich immer wieder mit solchen Mustern konfrontieren, das gehört zu seiner Funktion. Aber das Thema bekommt man in den Griff, und dafür braucht es keine zehn oder zwanzig Jahre. Denk daran: Wenn ein Arzt dich einmal entlastet, sind die Befürchtungen vielleicht kurz weg, aber deine Denkstruktur ist unverändert, deshalb kommst du schnell zurück ins „Was ist, wenn". Genau da dürfen wir eingreifen und bewusst mitdenken. Das ist dein Kopf, denk, was du willst.

Wie Wahrnehmung, Befürchtungen und die Angst vor Herzsymptomen zusammenhängen und wie du daran arbeitest, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.

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