„Bilde ich mir das ein?" Was du beim Herzstolpern wirklich spürst

Ein Herzstolpern ist überhaupt kein Problem. Zum Problem wird es erst durch unser dramatisch denkendes Gehirn, das uns über den Wahrnehmungskanal zu einer befürchtungsorientierten Bewertung kommen lässt: Was ist das? Kommt das noch mal? Was ist, wenn es schlimmer wird?

André schreibt: Ich leide zeitweise an häufigen Extrasystolen, die auch auf einem Monitor sichtbar sind, also keine Einbildung. Ich hätte gern jemanden zum Reden, bekomme aber gerade keinen Therapeuten, und meine Gedanken sind deswegen alles andere als positiv.

Ein verbreitetes Schicksal

Sehr viele Menschen teilen das. Die meisten Betroffenen mit panikartigen Symptomen sprechen selten bis nie mit anderen darüber, bis es nicht mehr geht. Sprichst du doch einmal einen Freund an, hörst du oft: Das habe ich auch, oder: Ich kenne jemanden, der das hatte. Es ist also sehr verbreitet, und die im EKG sichtbaren Extrasystolen sind in der Regel banale, reguläre Extrasystolen. Die medizinische Abklärung steht dabei immer im Vordergrund. In der Regel spüren Patienten ihre Extrasystolen übrigens gar nicht, denn der Extraschlag ist nicht besonders kräftig.

Warum „Einbildung" die falsche Frage ist

In unserer Gehirnverarbeitung lässt sich messen, dass Dinge für uns präsent werden, auch ohne echten Reiz. Stell dir einen Teller Spaghetti Bolognese vor, dampfend, die Soße zwei Stunden reduziert. Du hast keinen Sinneseindruck, und trotzdem wird im visuellen Zentrum dasselbe Areal angeregt wie bei einem echten Teller. Ob du dir also etwas einbildest oder ob es wirklich da ist, macht für den Störfaktor kaum einen Unterschied, weil es dich in beiden Fällen behindert und dir Angst macht. Deshalb ist „Einbildung" gar nicht so fatal, ich würde niemandem sagen, du bildest dir das nur ein.

Gefühle bauen vor allem auf Bildern vor dem inneren Auge und auf dem, was wir uns innerlich sagen. Eine Wahrnehmung, dass da gerade etwas mit dem Herzschlag war, ist an sich weder gut noch schlecht, sie ist einfach da, bis ein Gehirn hinschaut, das negativ und misserfolgsorientiert arbeitet und alles sofort mit Bedeutung belegt. Wir können eingreifen, weil das Gehirn kontextuell bewertet: Statt „so ein Mist, ich stehe im Stau" geht auch „Gott sei Dank stehe ich nur im Stau und habe ihn nicht selbst verursacht".

Worauf wir uns also fokussieren dürfen, ist nicht die Wahrnehmung selbst, sondern das, was danach das Gefühl erzeugt: die Bewertungsmuster, die dein Kopf auf das Herzstolpern anwendet.

Es ist gesund, negativ zu denken

Es ist nicht krankhaft, negativ zu denken, unser Kopf tut das von Natur aus. Seine oberste Priorität ist evolutionsbiologisch: überleben, um sich zu reproduzieren. Lange, gesund und glücklich zu leben ist nicht sein biologischer Auftrag. Lässt du dein Gehirn bewerten, kommt oft Angst heraus, weil es dich nicht zu dem führen will, was du lieber möchtest, sondern zu dem, wovor du weniger Angst hast.

Nicht das Stolpern macht deine Gedanken negativ, sondern dass du dich noch von diesem dramatischen Denken kontrollieren lässt. Das ist keine Kritik, das machen wir alle, wir bekommen ja keine Anleitung. Wichtig: Du bist vollkommen gesund. Deine Gedanken sind nicht negativ, weil du krank bist. Du darfst nur anfangen, bewusst anders zu bewerten, das erhöht dein Selbstbewusstsein an genau dieser Schnittstelle, denn es ist dein Kopf, denk, was du willst.

Die bessere Frage lautet deshalb: Wozu denkst du negativ? Es ist ein Überlebensmechanismus, fest einprogrammiert, den kannst du dir nicht wegtrainieren. Er hat schon deinen Vorfahren geholfen, die als kleine Angsthasen dafür gesorgt haben, dass du heute hier bist.

Was du beim Herzstolpern wirklich spürst

Den Extraschlag selbst spürt man in der Regel nicht. Eine der heute dominierenden Theorien: Menschen spüren nicht die Extrasystole, sondern die Füllungsphase danach. Weil die Extrasystole nicht zu einer richtigen Auswurfleistung führt, füllt sich die Kammer anschließend stärker, und diese Füllungsphase kann man wahrnehmen, also etwas völlig Ungefährliches.

So gehst du konkret vor

Lies zuerst heraus, welche Bewertungsmuster du im Moment auf das Erlebnis anwendest, bei den meisten ist es „das an sich ist schon schlimm". Dann darfst du reframen, und dafür bereitest du dir vorher etwas vor, denn im Stress bist du aufgeregt und kommst ohne Vorbereitung schwer heraus. Ein Satz könnte lauten: Wenn ich da etwas spüre, ist das nur die Füllungsphase nach dem nächsten funktionierenden Herzschlag. Oder als Refrain: Das ist nicht das Herz, das aussetzt, sondern das Herz, das gerade wieder richtig schlägt. Mach es dir so einfach wie möglich.

Diese neue Bewertung gehst du nicht erst durch, wenn dir danach ist, sondern regelmäßig, damit ein Gefühl daran anknüpfen kann, denn unsere Energie folgt unserer Aufmerksamkeit. Und noch ein Gedanke: Probleme entstehen, weil wir Dinge tun, die wir lassen sollten, oder lassen, die wir tun sollten. Erkunde deshalb im Alltag, wo du bisher noch keine weniger negative oder sogar positive Bewertung auf deine Extrasystolen setzt. Denn wir glauben an das, was wir am häufigsten gehört haben.

Wie Wahrnehmung, Bewertung und die Angst vor Herzsymptomen zusammenhängen und wie du reframst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.

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