Es gibt nicht den richtigen Gedanken, es geht ums Eingreifen

Eine Zuschauerin schreibt, dass sie meine Videos täglich schaut, und stellt zwei Fragen. Erstens: Es fällt ihr schwer, den richtigen Gedanken zu finden, weil sie sich stark in ihre Gedanken reinsteigert. Dass sie auf die normalsten Dinge wie Schlucken, Atmen oder Laufen achtet, macht ihr Angst, sie fürchtet eine Psychose und hat im letzten Jahr deswegen eine enge Freundin verloren. Zweitens fragt sie, ob durch zu intensives Hineinhorchen etwas dauerhaft nicht mehr funktionieren könnte. Ab morgen hat sie einen Termin beim Therapeuten, das ist ein guter und wichtiger Schritt.

Ich ziehe daraus zwei Kernbereiche heraus: wie wir auf den richtigen Gedanken kommen, und ob wir durch Hineinsteigern etwas kaputt machen können.

Usability: ins Machen kommen und sich vorbereiten

Grundsätzlich macht es Sinn, auf Usability zu achten. Ins Machen zu kommen ist schwer, wenn unser Gehirn keinen Grund sieht, deshalb reagieren wir vor allem auf große Ziele oder große Schmerzen. In der großen Grauzone dazwischen passiert wenig, und da dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass das Gehirn uns zum richtigen Zeitpunkt den Impuls gibt, das tut es nicht. Wenn eine Sache zwei Handgriffe braucht, haben wir schon keine Lust. Bereite dich deshalb auf Belastungssituationen vor, stell eine Verbindung her zwischen dem Moment, in dem die Idee da ist, und dem Moment, in dem du in der Belastung steckst und dein Kopf diese Dinge nicht von allein heranholt. Dazu gibt es ein Video, wie du dich auf die nächste Panikattacke vorbereiten kannst.

Warum es den richtigen Gedanken nicht gibt

Ich war vor Kurzem wandern und bin selbst in einen Unterzucker geraten, mir ging es wirklich nicht gut, und es kamen Angstgedanken hoch, obwohl ich körperlich wusste, was passiert. Deine Frage ist, woran ich dann denken soll. Problem Nummer eins: Wir können durch Gedanken oder antrainierte Situationen Stresshormone ausschütten, aber wir können sie nicht durch andere Gedanken wieder zurückziehen. Es gibt also per se nicht den einen richtigen Gedanken, den du nur denkst und das Problem ist weg.

Ein Gedankenspiel: Ich könnte mir ausmalen, was wäre, wenn ich hier umkippe, mir den Kopf aufschlage und niemand mich findet. Würde mir das helfen? Nein. Aber es würde etwas verändern, weil mein emotionales Verarbeitungszentrum auf etwas anderes reagiert. Die zentrale Frage ist: Was ist der Unterschied, der den Unterschied macht? Und das Entscheidende ist nicht der richtige Gedanke, sondern dass wir überhaupt in das eigene, automatische Denken eingreifen. Versuch deshalb nicht, den richtigen Gedanken zu finden, sondern mehr mitzubekommen, dass dein eigenes dramatisches Gehirn dich immer wieder davon abhalten will, Dinge auszuprobieren. Wenn ich sage, schreib deine Gedanken auf, und der Kopf fragt sofort, soll ich wirklich jeden Gedanken aufschreiben, dann ist das genau dieses Gehirn, das Rückfragen stellt, um aufzuschieben. Genau das hält uns davon ab, uns Gedanken zu machen und darüber etwas zu verändern.

Kann ich mich durch Hineinhorchen kaputt machen?

Unser Gehirn arbeitet mit selektiver Wahrnehmung, der Großteil der Informationen wird ausgeschlossen, weil er fürs normale Leben nicht relevant ist. Wir können uns antrainieren, bestimmte Sensationen wahrzunehmen, ein typisches Beispiel sind Extrasystolen, und wir können uns genauso wieder refokussieren, also lernen, worauf wir künftig achten. Deine Befürchtung, du könntest dich so tief in ein Erleben hineinarbeiten, dass du es nicht mehr revidieren kannst, ist nur eines der Szenarien, die dein Kopf dir immer wieder anbietet. Aus meiner Sicht normalisiert sich dieser Zustand von ganz allein, wenn du lernst, deinen Fokus schnell auf andere Dinge umzulenken. Wir haben im Kopf eine Art BIOS, ein angeborenes, antrainiertes Basisprogramm, dein Kopf findet von allein zurück, wir müssen ihm nur an den wichtigen Stellen die Kontrolle ein Stück zurückgeben. Es ist ein Gleichgewicht: Wir müssen nicht ständig den Herzschlag, die Beine oder den Bauch spüren, sondern dürfen die Kontrolle woanders einnehmen und uns Gedanken darüber machen, was in Zukunft passieren und wohin es gehen soll.

Wie du ins eigene Denken eingreifst und den Fokus bewusst umlenkst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du steigerst dich in Körperwahrnehmungen hinein und möchtest lernen, den Fokus umzulenken? Dein Therapietermin ist ein guter Anfang, und ich begleite dich gern ergänzend in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Dies ist ein sensibles Thema. Wenn dich die Angst, psychisch zu erkranken, stark belastet, ist der Termin bei deiner Therapeutin oder deinem Arzt genau der richtige Ort dafür. In akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

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Warum es nicht um Symptomabbau geht, sondern um Kompetenzaufbau

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Nicht was andere denken verletzt dich, sondern dein Gedanke darüber