„Dieses Video löst dein Problem nicht": Warum das ehrlich gemeint ist

Dieses Video wird dein Problem nicht lösen, und alle anderen auch nicht. Das möchte ich einmal ansprechen. Anlass war eine Klientensituation, die mich dazu animiert hat, im Sinne von: challenge accepted.

Die Vorgeschichte

Vor einigen Wochen meldete sich ein Zuschauer, ein junger Mann, mit einer komplexen Belastung und dem Wunsch nach Therapie. Grundsätzlich ist das etwas, wo ich sage, ja, das können wir angehen, auch wenn eine solche Neuprogrammierung nicht in zwei Sitzungen getan ist. Weil er zu weit weg wohnt, hätten wir Online-Therapie gemacht. Dann kam: Ach, ist gerade schlecht, machen wir doch lieber im neuen Jahr, das war im Oktober. Bei kassenzugelassenen Kollegen wartet man ohnehin 12 bis 18 Monate, das ist, wie wenn jemand beim Facharzt sitzt und sagt, als ich den Termin machte, war ich halt noch krank. Ich versuche dagegen, so schnell wie möglich zu helfen, ich hatte vor zwei Wochen einen Patienten mit akuter Luftnot am nächsten Tag hier sitzen. Du brauchst heute Hilfe, nicht erst in Monaten, und dass jemand sagt „machen wir nächstes Jahr", zeigt schon, wie tief das Problem sitzt.

Er meldete sich später wieder, ich stellte ihm einen kleinen Leitfaden und ein paar Video-Links zusammen. Am nächsten Tag kam: Ihre Videos sind mir viel zu oberflächlich und allgemein, Sie werden mir nicht helfen können. Mein erster Gedanke, und das war für mich ein guter Lerneffekt, war: Manche Probleme lösen sich für mich von allein. Denn ein solcher Hintergrund ist ambulant schwer abzufangen, und selbst stationär sieht es oft nicht gut aus. Ich würde es immer versuchen, um zu helfen, aber ich dachte auch, dieses Thema habe ich jetzt nicht auch noch an der Backe.

Was ein Video kann, und was nicht

Der zweite Gedanke war, daraus ein Video zu machen, und auch ein Klient meinte, ich solle mal erklären, dass ein Video allein nicht helfen kann. Denn ein Video entsteht aus einem Klientenkontakt oder einem gedanklichen Hintergrund. Ich gebe dir eine Idee weiter, die jemandem geholfen hat, du kannst einen Impuls mitnehmen und auf deine Situation übertragen. Aber ich kenne dein Problem nicht, ich kenne dich als Zuschauer nicht, es sei denn, du nimmst Kontakt auf. Ich kann mein Bild, meine Strategie nicht auf deinen konkreten Fall anwenden. Natürlich sind die Videos oft allgemein gehalten, aber mit diesen Grundstrukturen kann man dann in die Tiefe aufbauen.

Warum ich die Videos überhaupt mache? Zum einen kann ich Klienten sagen, das Grundmodell gehen wir in der Sitzung durch, den Rest schicke ich als Video-Links zum Nacharbeiten, so nutzen wir die wertvolle Praxiszeit für Sinnvolleres. Und ihr als Zuschauer bekommt das gratis, vielleicht hilft es dem einen oder anderen. Zum anderen: YouTube hat den Untertitel Broadcast Yourself, verbreite dich selbst. Ich mache die Videos, weil es mir Spaß macht und weil sie euch offenbar oft gefallen. Aber ihr dürft nicht erwarten, dass ihr ein Video anschaut, die entscheidende Information herausnehmt und sich dann euer Leben verändert, ohne dass ihr selbst etwas tut.

Nur du kannst dein Leben verändern

Das ist der Kern: Nur du kannst dein Leben verändern. Es gibt jedes Jahr zwei, drei Menschen in der Praxis, die sagen, wenn ich selbst etwas tun muss, ist das nichts für mich, auch das ist okay. Diese Videos lösen dein Problem also nicht. Probleme sind komplexer, größer, vielschichtiger. Du bist nicht kompliziert, wir Menschen sind nicht kompliziert, wir sind komplex. Aber in unserer Psyche machen wenige, leicht nachvollziehbare Dinge über einen repetitiven Faktor den Unterschied. Es geht um das Quantitative, um das Komplexe, nicht das Komplizierte.

Wenn du dir also ein Video anschaust, meins oder das von jemand anderem, und es hilft dir nicht direkt weiter, ist das nicht die Schuld des Video-Herstellers. Ich bekomme öfter harsche Kommentare. Aktuell schrieb jemand unter das Antidepressiva-Video, ich sei kein Fachmann, weil ich nicht wisse, dass eine Depression immer auf einem Serotoninmangel beruhe. Das ist fachlich falsch: Man hat das früher angenommen, aber in der Breite der Depressionserkrankungen ließ sich das nicht nachweisen. Oft liest man aus solchen Kommentaren heraus: Du hast gerade ein Problem, konntest es nicht lösen, weil du mein Video gesehen hast, und ich bin jetzt schuld. Alles okay, so ist das Leben.

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