Das Erwartungspendel: Warum weniger erwarten nicht vor Enttäuschung schützt

Du kennst das vielleicht: Du hast nichts erwartet und wirst trotzdem enttäuscht. Das arbeite ich in der Praxis häufig auf, und über die Jahre hat sich ein Modell herauskristallisiert, das dir helfen kann, anders mit Enttäuschungsmustern umzugehen.

Das Pendel

Stell dir ein Pendel vor. Auf der einen Seite liegt die Erwartungshaltung. Ziehen wir das Pendel auf die Erwartungsseite hoch, gehen mit großen Erwartungen an eine Sache heran, und die Erwartung wird nicht erfüllt, dann knallt uns das Pendel rüber, wir sind schnell in der Enttäuschung. Weil wir ein hohes Maß an Enttäuschung als besonders negativ einordnen und die negativen Gefühle vermeiden wollen, neigen wir dazu, das Erwartungspendel herunterzupendeln, wir erwarten immer weniger, damit wir weniger enttäuscht werden, bis zu dem Punkt: nichts erwartet und trotzdem enttäuscht.

Warum das nicht funktioniert

Mein Erklärungsansatz: Die Enttäuschungsseite lässt keine Skalierung zu. Ausnahmen wie Trauma-Inhalte lasse ich außen vor, aber im Alltag ist Enttäuschung weniger skalierbar, eher digital. Es ist fast egal, an welcher Stelle mein Erwartungspendel auf die Enttäuschungsseite übertritt, die Enttäuschung ist dann da.

Mit diesem Maß an Enttäuschung kommen wir besser zurecht, wenn wir uns nicht davor schützen, enttäuscht werden zu können, sondern wenn wir eine positiv aufgestellte Resilienz haben: Erfolgserlebnisse, uns im Leben wohlfühlen, mit uns selbst in Kongruenz sein, eine hochgehaltene persönliche Integrität. Das kommt nicht daher, dass wir die Erwartungshaltung möglichst niedrig halten, sondern eher daher, dass wir ruhig auch mal mit hohen Erwartungen arbeiten.

Erwartung an andere öffnet das Feedback-Modell

Häufig richten wir die Erwartungshaltung an jemanden. In dem Moment, in dem du eine Erwartung an eine andere Person richtest, eröffnest du automatisch das Modell, dass positives, leider aber auch negatives Feedback kommen kann. Das können wir nicht verhindern, zwischen zwei Menschen kann eine Erwartung an den anderen immer auch zu negativem Feedback führen.

Erwartungen an dich selbst

Was ich mit den Leuten erarbeite: Wir dürfen zwischen „ich" und „jemand" trennen. Wer häufiger mit Enttäuschung zu tun hat, darf sich anschauen, an welche Personen er in der Vergangenheit Erwartungen gerichtet hat, und vor allem lernen, künftig mehr Erwartungen an sich selbst zu stellen. Ein Beispiel: Du bist mit einer Freundin ins Kino verabredet, sie sagt kurzfristig ab. Statt in die Enttäuschung zu rutschen, kannst du dir sagen: gut, dann eben ein schöner Abend für mich, dein Vorhaben fällt nicht ganz aus, und du kannst dem Gegenüber trotzdem Aufmerksamkeit schenken.

Wichtig: Enttäuschungsmuster solltest du nicht dadurch verhindern wollen, dass du die Erwartungshaltung herunterpendelst, einerseits bist du trotzdem enttäuscht, andererseits ist ein Leben ohne große Erwartungen, vor allem an dich selbst, keine gute Grundlage, um mit den Stressoren und negativen Kräften von außen gut zurechtzukommen. Führ dir also immer wieder vor Augen: Stellst du gerade eine Erwartung an jemanden, oder an dich selbst? Mach dir Gedanken, an wen du zuletzt Erwartungen gerichtet hast, an wen du sie künftig richten solltest und welche Erwartungen du künftig verstärkt an dich selbst setzen darfst.

Wie du mit Erwartungen, Enttäuschung und deiner Resilienz umgehst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du rutschst immer wieder in Enttäuschung und möchtest anders damit umgehen? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Zurück
Zurück

Wissen ist nicht Denken: Warum du dein Denken überkompensatorisch trainieren musst

Weiter
Weiter

Du entscheidest, was dich prägt: Umwelt, Ziele und der Weg ins Machen