Antidepressiva: eure Kommentare zu Nebenwirkungen, Absetzen und Alternativen
Das Thema Antidepressiva stößt in den Kommentaren auf große Resonanz, deshalb gehe ich hier eine Reihe eurer Fragen durch. Ein Hinweis vorweg, der sich durch alles zieht: Fragen zu Medikamenten gehören immer zuerst zum behandelnden Arzt. Hier geht es um Hintergründe.
Nebenwirkungen: keine Wirkung ohne Nebenwirkung
Eine Zuschauerin merkt an, dass sie als Angstpatientin Nebenwirkungen hat, das aber auch bei Blutdruckmitteln oder Statinen so sei. Richtig, in der Medizin gilt: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Bei den typischen SSRI wie Citalopram, Escitalopram oder Venlafaxin treten anfangs oft Magen-Darm-Beschwerden oder Schwindel auf. Bei vielen, die es konsequent nehmen, verschwindet das nach etwa zwei Wochen. Danach spaltet es sich: Entweder gibt es ein echtes Problem mit den Nebenwirkungen, oder es pendelt sich ein, und man merkt, ob das Medikament passt.
Wieder loskommen? Zuerst eine andere Frage
Viele fragen, ob man langfristig wieder vom Präparat wegkommt. Aus meiner Sicht steht zuerst die Frage: Bin ich bereit, den Schritt zu wagen? Denn oft entsteht ein Teufelskreis, wenn man ein Medikament nimmt, um das alte Leben weiterzuleben, obwohl gerade dieses Leben in die Belastung geführt hat. Die WHO nennt leitlinienorientiert etwa sechs Monate, danach kann man überlegen auszuschleichen. Die Nachbeobachtung ist aus meiner Sicht studienmäßig dünn. Ich bin ausdrücklich nicht gegen Antidepressiva, sie können sehr gut helfen. Ein Antidepressivum heilt aber nicht, es sind meist die Denkstrukturen, die krank machen. Ihr könnt nicht davon ausgehen: schlecht, Medikament, blendend, absetzen, alles gut, so sehen wir das nicht, und es gibt Absetzphänomene, die man begleiten sollte.
Nebenwirkungen im Detail: PSSD, bipolar, Schmerzen
Zu erektiler Dysfunktion und PSSD (Post-SSRI Sexual Dysfunction): Das gehört zu den bekannten unerwünschten Wirkungen und ist bei Antidepressiva häufig reversibel, bei langjähriger Neuroleptika-Einnahme kann so etwas eher chronifizieren. Bei bipolarer Störung ist meist ein Facharzt an Bord, ein typisches Medikament ist Lithium als Phasenprophylaktikum, hier zählt vor allem die Einschätzung des behandelnden Arztes. Und ja, einige Antidepressiva werden im Off-Label-Use auch bei chronischen Schmerzen eingesetzt, bei Nervenschmerzen nach Gürtelrose eher Pregabalin.
Gerade bei Angst und Panik aufpassen
Von einem Antidepressivum wie Citalopram erhofft man sich oft mehr Antrieb. Bei vielen steigt aber zunächst die innere Unruhe, und das können Angst- und Panikpatienten, die ohnehin auf 180 sind, schlecht gebrauchen. Da lohnt genaues Hinschauen, auch organisch, etwa die Schilddrüse. „Leichte" Antidepressiva gibt es übrigens nicht, ich spreche eher von Einstiegspräparaten wie Citalopram, Escitalopram oder Sertralin.
Zur Annahme „zu jeder Tablette gibt es Therapie"
Das stimmt so nicht. Schon vor Corona lagen die Wartezeiten auf einen kassenzugelassenen Therapieplatz bei etwa zwölf bis achtzehn Monaten. Bekäme man zu jeder medikamentösen Einstellung eine Psychotherapie, bekäme man das Medikament erst nach dieser Wartezeit, oder die Annahme stimmt nicht, und aus Erfahrung stimmt sie nicht.
Dosierung und vorsichtiges Absetzen
Weil ein Kommentar 10 mg Citalopram nennt: 10 mg ist meist die Einstiegsdosis, 20 mg die normale Höhe, bei Zwangsstörungen geht man bis 40 mg. Mehr hilft also nicht gegen „mehr Depression", sondern hat sich in anderen Indikationen bewährt. Beim Absetzen kann man vorsichtig auf Escitalopram in Tropfenform wechseln (etwa 1 mg pro Tropfen) und über Wochen reduzieren. Aber das ist keine Frage ans Internet, sondern zuerst an den behandelnden Arzt, der eine engmaschige Absetzbegleitung initiieren sollte.
Johanniskraut, Seroquel und CBD
Johanniskraut ist eine gute Perspektive, bevor man zu stärkeren Mitteln greift, aber es ist trotz Freiverkäuflichkeit ein ernstzunehmendes Präparat. Man dosiert in Schritten von 300, 600, 900 mg hoch, nutzt für eine antidepressive Wirkung die höchste Dosierung, mit Wirkeintritt bis zu drei Monaten, und es kann die Antibabypille beeinträchtigen. Es wirkt als Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, ähnlich wie ein Citalopram, nur schwächer. Ein schlafförderndes Präparat wie Quetiapin (ein atypisches Neuroleptikum) ist dagegen von der Eintrittsstufe her eine ganz andere Liga. CBD-Öle helfen vielen, ihre Studienlage ist aber noch abzuwarten.
Klinik und Gespräch
Erfahrungsberichte von Betroffenen finde ich wertvoll. Eine Klinik kann sehr gut, aber auch enttäuschend sein, sie ist nicht automatisch die Rettung. Für die meisten liegt die eigentliche Hilfe darin, hier oben einen vernünftigen Gesprächspartner zu haben, der das Thema aufarbeitet. Und ganz wichtig: über das Ungesagte sprechen, es spricht nachts ohnehin ziemlich laut.
Wie Denkstrukturen, Stress und der Umgang mit Medikamenten zusammenhängen, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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