Angstzustände durch Vagusreizung? Schwindel, Panik und Benommenheit
Ella fragt: Ich habe gelesen, dass es am Vagusnerv durch ein Trauma liegen soll, dass man Angst und Panik bekommt, weil einem als Kind immense Sicherheit fehlte, und dass Panik aufgestaute Wut ist. Kannst du erklären, wie genau Angst und dann Panik entsteht und wie die Biochemie des Hirns damit zu tun hat? Die Frage bezieht sich auf das Video zur Höhenangst.
Vorsicht bei schnellen Erklärungsmodellen
Die Aussage „Trauma, Vagusnerv, Angst, Panik" ist ein Erklärungsmodell, das meines Wissens wissenschaftlich nicht belegt ist. Man muss aufpassen bei Erklärungssystemen, die eine schnelle Projektionsfläche bieten, oft unter dem Dach der „Alternativmedizin". Es gibt keine Alternativmedizin, es gibt Alternativen zur Medizin, so wenig wie es eine Alternativphysik gibt. Und man muss unterscheiden: Phytopharmaka (aus Wirkstoffen gewonnen) sind etwas anderes als Homöopathie oder Akupunktur. Wenn in der Apotheke heißt, „das darf auch eine Schwangere nehmen, das macht nichts", dann kann es letztlich auch keine Wirkung haben, die liegt dann im Rahmen von Selbstheilung und Placebo. Phytopharmaka dagegen dürfen Schwangere nicht einnehmen, da liegt eine klare Grenze.
Unser Gehirn hat die Aufgaben, Korrelationen zu erkennen, Kausalzusammenhänge aufzuzeigen und recht zu haben. Es findet schnell heraus, warum zwei Dinge so sind, wie wir sie erlebt haben, und löscht widersprüchliche Informationen aus der Verarbeitung. Und die Traumaforschung ist noch nicht so weit, dass ein Ansatz das alles klar aufzeigen würde. Der Vagusnerv ist zudem der Gegenspieler zu dem, was bei Angst und Panik passiert.
Wie Angst und Panik entstehen
Ganz grob: Ein auslösender Reiz, den unser Gehirn als Lebensgefahr interpretiert, und unser Gehirn ist letztlich noch auf dem Stand von vor 50.000 Jahren, ein binäres System, Lebensgefahr ja oder nein. Dann werden Stresshormone ausgeschüttet, die das Fight-or-Flight-Prinzip lostreten: Das Herz schlägt schneller, damit mehr Blut am Muskel ankommt, die Atemfrequenz steigt, damit wir mehr Sauerstoff für die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP, das „Benzin" der Muskulatur) haben, die Gefäße in der Peripherie ziehen sich zusammen, daher die blass-kalte, schwitzige Haut, das Blut soll vorrangig an den überlebenswichtigen Organen sein. Das führt unter anderem zu einer leicht verminderten Durchblutung im Gehirn, und daraus entstehen Symptome wie Schwindel, Panik, Benommenheit, Brainfog, das Gefühl, einen halben Zentimeter neben sich zu stehen. Ich kenne das alles, ich habe auch einen Sympathikus.
Angst reagiert auf die innere Ebene
Bei den meisten, mich eingeschlossen, ist das Erleben von Angst ein relativ zirkuläres Reagieren auf etwas in der näheren Umgebung, meist auf der inneren Verarbeitungsebene, in Form von Bildern oder inneren Stimmen. Wir haben in der Regel nicht Angst vor dem, was um uns herum passiert. Psychologen wollen oft erklären, deine Ängste seien inadäquat und unlogisch, das ist Quatsch, deine Ängste sind adäquat und logisch und reagieren auf das, was du auf der inneren Ebene erlebst (siehe das Video, wie ein Gefühl entsteht).
Daraus folgt: Wir sind kein Lager für Emotionen, wir haben keine seit 30 Jahren aufgestauten Emotionen. Was wir haben, sind die gleichen Bilder und inneren Stimmen, die immer wieder ähnliche Gefühle hochbringen. Etwas zu verarbeiten heißt nicht, dass das Gefühl aufhört, sondern dass ich lerne, andere Bilder und innere Stimmen zu haben, die mir helfen, anders emotional zu reagieren. Deshalb bin ich mit einem Muster wie „Trauma, aufgestauter Sympathikus" vorsichtig.
Das Wahrscheinlichkeitsprinzip
In der Medizin arbeitet man über Wahrscheinlichkeiten. Sagt ein 20-Jähriger beim Hausarzt, ich habe Kopfschmerzen, vielleicht ein Hirntumor, misst der Arzt Puls und Blutdruck und schickt ihn meist beruhigt nach Hause, weil ein gesund wirkender junger Mann ein sehr geringes Risiko hat, und ein Hirntumor macht in der Regel anfangs gar keine Kopfschmerzen. Von wahrscheinlich nach unwahrscheinlich gilt: Hörst du Hufgetrappel, denk zuerst an ein Pferd, nicht an ein Zebra, es sei denn, du arbeitest im Zoo.
Genauso hier: Statt zuerst eine Traumatisierung oder den Vagusnerv zu vermuten, ist es viel wahrscheinlicher und sinnvoller, zuerst die Ebene deiner Gedanken zu prüfen, was läuft den ganzen Tag im Kopf. Schau dir das Video zur Achtsamkeit an, dem Erleben im Hier und Jetzt mit der Reflexion, welche Gedanken gerade da sind. Fast immer finden sich gedankliche Präsenzen, die mit der Symptomatik einhergehen. Ich bin mit 770 zufriedenen Klienten über 10 Jahre immer an genau diese Bilder und inneren Mechanismen gekommen. Wenn ich hier fündig werde, warum woanders suchen?
Finde ich veränderbare Kriterien, die der Klient lernt, konsequent zu verändern, darum geht es. Es geht nicht darum, dass es nach der Therapie kurz besser ist, sondern dass du lernst, was du Tag für Tag anwendest und retrainierst, damit es dir dauerhaft gut geht. Komm also zuerst auf die Ebene: Siehst du Bilder, hörst du innere Stimmen? Der Kopf liefert sie von allein. Schau dir das Video an, Befürchtungen und Sorgen aufschreiben, dort geht es um dieses passive, automatisierte dramatische Denken.
Und selbst wenn wir weder hier noch da einen Hinweis finden, Probleme entstehen auch, wenn wir Dinge tun, die wir lassen sollten, und lassen, die wir tun sollten, würde ich nicht Richtung „traumatisierter Vagusnerv" gehen, sondern schauen, welche Dinge jemand noch nicht täglich tut, denkt, sieht oder hört, sodass es ihm langsam besser geht.
Wie Angst und Panik wirklich entstehen und wie du über Bilder und innere Stimmen anders reagierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du suchst nach der Ursache deiner Angst und möchtest an der wahrscheinlichsten Ebene ansetzen, deinen Gedanken? Ich begleite dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.