Warum die einfachste Erklärung nicht die wirksamste ist

Eine Zuschauerin namens Nicole hat sich unter einem Video gemeldet und darum gebeten, ich möge Dinge noch einfacher formulieren. Das hat ein Beispiel in mir geweckt, das ich schon mit einigen Leuten in der Praxis besprochen habe. Denn ich behaupte: Die meisten Störungsmuster, die wir im Bereich von Ängsten, Panik, Benommenheit, Schwindel und ein Stück weit auch Depression sehen, bauen auf einem Mangel an Kompetenz auf, wie jemand mit seinen Unzufriedenheiten, Belastungen und Befürchtungen umgeht, aber auch mit seinen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen. Also darauf, im Alltag herauszuarbeiten: Was will ich, und was brauche ich dafür?

Das Werkzeug ist denkbar einfach

Die Idee, wie man mit so ziemlich jedem Symptom aus diesem Formenkreis weiterkommt, lautet: lerne zu unterbrechen, zu erkennen und Bewusstheit einzubringen. Konkret heißt das, jede Befürchtung, jede Unzufriedenheit, jede Idee, jeden Wunsch und jedes Bedürfnis aufzuschreiben. That's it, mehr braucht es nicht. Hast du eine Befürchtung, schreib sie auf. Hast du eine Unzufriedenheit, schreib sie auf. Nicht: Wie groß ist sie, ab welcher Menge lohnt es sich? Sondern einfach: aufschreiben. Einfacher geht es nicht.

Und jetzt kommt die entscheidende Beobachtung

Nur weil ich etwas einfach beschreibe, heißt das nicht, dass die Leute es tun. Im Gegenteil: Je einfacher ich es beschreibe, desto seltener erlebe ich, dass sich jemand wirklich dahinterklemmt. Das geht mir selbst nicht anders. Auch bei mir füllt sich das Notizbuch, trotz Farbkodierung für Ideen, Unzufriedenheiten und Befürchtungen, bei Weitem nicht so schnell, wie es könnte und vielleicht sollte.

Der Trick liegt am Ende gar nicht darin, wirklich jede Belastung aufzuschreiben. Es geht darum, erst mal vom alten Extrem wegzukommen. Fang an und vertraue dem Prozess. Selbst wenn du nur in einer Quote von zehn Prozent, also nur jedes zehnte Mal, eine kleine Notiz machst, wenn etwas hochkommt, bist du schon weg vom alten Extrem und hast gewonnen. Deshalb, liebe Nicole, ist meine Antwort auf „Erklär es noch einfacher" ein Jein: Eine noch einfachere Erklärung würde bei den meisten Betroffenen trotzdem nicht dazu führen, dass sie tatsächlich ins Tun kommen.

Die Parabel der Umsetzbarkeit

Um das zu zeigen, habe ich in einer Sitzung schnell eine Skizze angefertigt: eine Parabel. Auf der einen Seite kann ich Dinge sehr kompliziert darstellen, auf der anderen sehr einfach. Und quer dazu steht die Umsetzbarkeit, die höher oder niedriger sein kann.

Das Spannende ist: An beiden Extremen ist die Umsetzbarkeit niedrig. „Du hast eine Befürchtung, schreib sie auf" ist extrem einfach, aber erfahrungsgemäß setzt es kaum jemand um. Würde ich dagegen sagen: „Wenn du eine Befürchtung erlebst, meditiere zuerst eine halbe Stunde auf dem linken Bein, hüpf dann auf dem rechten Bein zum nächsten Supermarkt und ruf dort dreimal laut ‚Jetzt!'", dann wird es so kompliziert, dass wir es ebenfalls nicht machen.

Warum an beiden Extremen der Widerstand kickt

Der Grund liegt im Gehirn. Mit extrem komplizierten Dingen möchte sich unser Gehirn nicht beschäftigen, es bekommt gar keinen richtigen Zugriff. Mit extremen Vereinfachungen muss es sich aber auch nicht wesentlich beschäftigen. In beiden Fällen sind wir wenig involviert, haben dadurch viel Rechenkapazität frei, und genau dort kickt der Widerstand rein. Das Gehirn sagt dann: „Nee, das haben wir früher nicht so gemacht, warum sollte uns das helfen, das kostet doch nur Energie." Eine extrem einfache oder extrem komplizierte Vorgabe gibt dem Gehirn also besonders viel Raum, Widerstand aufzubauen.

Die Idee einer einfachen Erklärung ist deshalb nicht falsch, im Gegenteil, wir brauchen gute Erklärungen und qualitativ hochwertige Antworten, um etwas zu verstehen. Aber wenn es um die Umsetzung geht, um den Call to Action, dann brauchen wir gerade nicht die allereinfachste Aufgabe. Es darf durchaus eine gewisse Herausforderung sein. Denn die Erfahrung zeigt: Je mehr wir uns für einen Erfolg anstrengen müssen, umso mehr wertschätzen wir ihn im Nachhinein.

Wie du konkret mit Befürchtungen, Unzufriedenheiten und deinen eigenen Wünschen arbeitest, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

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