Wie erzeugen Gedanken Schwindel? Christinas Frage
Christina fragt: Was ich nicht verstehe, ist, wie das Gehirn aus Gedanken Schwindel und die Unsicherheit beim Gehen oder Stehen erzeugt. Ich musste im Garten die Brille absetzen, meine Sehstärke ist mies, bin beim Hochkommen ausgerutscht, konnte schlecht sehen und erschrak. Seitdem empfinde ich ohne Brille schnell Schwindel. Wie entsteht so etwas?
Nicht der eine Gedanke macht den Schwindel
Eine gute Frage, die wir schon häufiger hatten: Was habe ich falsch gedacht, sodass Schwindel kommt? In der Regel lässt sich nicht der eine falsche Gedanke direkt auf eine Symptomebene ziehen. Man findet nicht, dass jemand bei keiner Farbe ein Problem hat, aber sobald er „lila" sagt, zack, Schwindel. So funktioniert es nicht.
Was wir aber sehen: Zum Schwindelsymptom besteht in der Regel eine passende gedankliche Präsenzebene. Suchen wir, finden wir Gedanken auf der inneren Verarbeitungsebene, Bilder, die Angst auslösen, Sorgen kennzeichnen, dazu innere Sätze. Man sollte sich das aber nicht so vorstellen, dass der Schwindel „psychisch" ist in dem Sinne, dass Denken direkt Schwindel erzeugt.
Der eigentliche Mechanismus: Stresshormone
Schwindel ist die Folge einer Stresshormonausschüttung auf belastende Gedanken. Nicht der Gedanke selbst löst den Schwindel aus, sondern die Gedanken treten in deinem Kopf eine Stressreaktion los, die sich körperlich in ausgeschütteten Stresshormonen zeigt. Je häufiger angst- oder sogar panikverknüpfte Muster da sind, desto öfter suggerierst du deinem Gehirn Lebensgefahr, und dein Gehirn kennt dabei nur an oder aus, keine 22 Prozent.
Auf die Stresshormone folgen ein schnellerer Herzschlag, eine schnellere Atmung und eine Veränderung im Gefäßsystem: Die Muskeln um die blutführenden Gefäße ziehen sich etwas zusammen. Das stabilisiert den Blutdruck und hält die lebenswichtigen Organe gut versorgt (perfundiert), führt aber auch dazu, dass sich die Gefäße zum Kopf leicht verengen. Daraus entstehen Schwindel, Benommenheit, das Gefühl, einen halben Zentimeter neben sich zu stehen.
Die Schwindelsymptomatik hängt also mit der gedanklichen Ebene zusammen, aber nicht so, dass ein Gedanke Schwankschwindel macht und ein anderer Benommenheit. Und sind die Stresshormone einmal ausgeschüttet, kannst du sie nicht durch anderes Denken „einsaugen", sie zirkulieren weiter, bis du sie vor allem über Muskelaktivität verstoffwechselst.
Verankerung: warum ohne Brille schnell Schwindel kommt
Du scheinst Dinge verankert zu haben: Bestimmte Situationen sind so antrainiert, dass dort schnell ein Symptom auftaucht, in deinem Fall „ohne Brille" nach dem Schreck im Garten. Diese Verankerungen sind gelernte Strukturen des Gehirns, immer in einem sehr individuellen Kontext. Schau dir das Video an, warum du noch nach deinem Symptom suchst, dort erkläre ich das über eine Flugzeugmetapher. Verankerungen sind heute da, weil sie gestern (und die Tage davor) dahin trainiert wurden, und weil noch nichts anderes trainiert wurde, das stattdessen da sein sollte.
Nicht das Symptom, sondern die Bewertung
Wir haben oft Angst, kein glückliches Leben führen zu können, weil wir diese Symptome haben. Dabei ist so ein abgeklärter Schwindel körperlich ein harmloses Phänomen, es hindert dich nicht am Überleben. Die eigentliche Problematik kommt nicht aus dem Schwindel selbst, sondern aus deiner Bewertung. Du hast selbst geschrieben „und ich erschrak". Genau hier lohnt Reflexion: Erschrick nicht nur und häng dann an „Mist, was ist das schon wieder", sondern trainiere dir Aufmerksamkeit dafür an, zu bemerken, da war gerade eine Bewertung, die mein Gehirn unter Druck setzt und Lebensgefahr symbolisiert.
Es geht nicht darum, diese Bewertungen abzuschaffen, denn wer sich das vornimmt, erlebt sie doch und ärgert sich dann, es „wieder nicht geschafft" zu haben. Wir dürfen lernen, wertschätzender mit uns umzugehen. Konkret: eine Sensibilität für die Symptome und die dazugehörigen Bewertungsmechanismen entwickeln, und dort, wo du merkst, da war wieder so eine Bewertung, wach werden, eingreifen und dir laut sagen: Moment, stopp, es ist nicht schlimm, dass der Schwindel kommt, ich freue mich sogar erst mal, denn wenn ich mich nicht freuen würde, wäre der Schwindel trotzdem da. Die weiteren, passenden Bewertungen ergeben sich aus deiner individuellen Situation.
Wie Gedanken, Stresshormone und die Bewertung dahinter zusammenwirken, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du erlebst Schwindel in bestimmten Situationen und möchtest an den Bewertungen dahinter arbeiten? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.