Wenn der Kopf vernebelt scheint: Brainfog, Benommenheit, Schwindel, Derealisation

Es gibt einen Zustand, den viele meiner Klienten beschreiben, ohne dass er einen klaren medizinischen Namen hat. Sie nennen ihn Brainfog, Benommenheit oder das Gefühl, einen Zentimeter neben sich zu stehen. Es ist nicht Schmerz, nicht Schwindel im klassischen Sinne, nicht Müdigkeit, sondern eine Art Schleier zwischen ihnen und der Welt. Sie funktionieren weiter, sind aber nicht ganz da: Sie schauen auf einen Bildschirm, ohne die Information zu verarbeiten, hören zu, ohne anzukommen, gehen durch die Wohnung und vergessen, wohin.

Das ist besonders zermürbend, weil es sich nicht leicht fassen lässt, diffus, schleichend, anhaltend. Manche fürchten eine ernste Erkrankung, andere, verrückt zu werden. Beide Sorgen lassen sich nach kardiologischer und neurologischer Abklärung in den allermeisten Fällen direkt entkräften. Vorweg gilt also: zuerst abklären lassen.

Was Brainfog wirklich ist

Brainfog ist kein medizinischer Begriff, sondern beschreibt einen Zustand eingeschränkter kognitiver Klarheit. Die Aufmerksamkeit gleitet ab, Erinnerungen kommen nicht, Aufgaben dauern länger und gelingen schlechter. Meist wirken mehrere Ursachen zusammen: eine erhöhte Anspannung, die das Gehirn eher scannen als konzentriert arbeiten lässt, ein schleichendes Schlafdefizit, eine Übersättigung mit Reizen und eine emotionale Belastung, die im Hintergrund Kapazität bindet.

Die erste kluge Bewegung ist deshalb nicht, den Brainfog wegmachen zu wollen, sondern ihn als Symptom einer Überlastung zu verstehen und zu fragen, was sie speist: Bist du übermüdet, hattest du zu viele Reize, gibt es ein emotionales Thema, das du noch nicht in Worte gefasst hast? Konkret helfen eine bewusste Reduktion der Reize (weniger Bildschirm, längere Pausen, Stille als Erholungszeit fürs Gehirn), Bewegung an der frischen Luft (eine halbe Stunde Spaziergang nach dem Essen bringt oft mehr als eine halbe Stunde Schlaf) und das Aufschreiben dessen, was im Kopf kreist. Eine wirksame Übung ist die Drei-Listen-Übung: Was beschäftigt mich gerade? Was muss ich diese Woche tun? Was wäre angenehm, wenn ich es täte? Das entlädt den Kopf, weil das System nicht mehr alle Themen gleichzeitig im Hintergrund halten muss.

Wenn der Schwindel kein Drehschwindel ist

Nicht jeder Schwindel ist Drehschwindel. Es gibt einen, bei dem sich die Welt nicht dreht, sondern nur unklar anfühlt: Die Regale im Supermarkt wirken weit weg, die Füße scheinen nicht direkt auf den Stufen zu stehen, die Hände nicht ganz wie die eigenen. Drehschwindel ist meist organisch (Innenohr), der psychisch bedingte Schwindel dagegen ein Gefühl von Unsicherheit, Distanz oder Unwirklichkeit, unangenehm, aber nicht gefährlich, Voraussetzung ist auch hier die ärztliche Abklärung.

Vier Optionen helfen. Erstens die Erdung: beide Füße fest auf den Boden, bewusst nach unten drücken, spüren, dass der Boden trägt. Zweitens die Augenfixierung: auf einen festen Punkt schauen, ein Bild, einen Punkt am Boden, ein Gesicht, damit das Auge Halt findet. Drittens das aktive Tun: nicht stehen bleiben und beobachten, sondern weitergehen, auf die Liste schauen, das nächste Produkt suchen. Viertens die Trainingsumkehr: In genau den Situationen, in denen du sonst Schwindel erlebst, lenkst du die Aufmerksamkeit aktiv anders und baust so eine neue Bahnung, anfangs schwer, mit Wiederholung wird die neue Datenautobahn stärker.

Wenn du dich selbst nicht ganz spürst

Besonders verstörend sind Depersonalisation und Derealisation. Bei der Depersonalisation spürst du dich selbst nicht ganz, die Hand fühlt sich fremd an, die Stimme klingt fremd, es ist, als beobachtetest du dich von außen. Bei der Derealisation wirkt die Welt wie hinter Glas, wie ein Traum, wie eine Filmszene. Das erschreckt beim ersten Mal, und viele fürchten, den Verstand zu verlieren. Das ist unbegründet: Beides sind keine Zeichen einer Psychose, sondern meist Schutzreaktionen eines überlasteten Systems, das in einen Notmodus schaltet und die Wahrnehmung dämpft.

Das Wichtigste ist die Beruhigung: Sag dir, dass das nicht gefährlich ist und vorbeigeht, und dass dein System gerade im Notmodus auf Überlastung reagiert. Konkret hilft die sensorische Erdung: Was siehst, hörst, riechst, schmeckst, fühlst du? Das lenkt die Aufmerksamkeit auf konkrete Sinneswahrnehmungen und baut über die Sinne eine Brücke zurück in deine Wirklichkeit. Hilfreich ist auch, es jemandem zu sagen, schon das Aussprechen nimmt dem Zustand die Schärfe. Wichtig: Prüfe nicht ständig nach, ob du dich noch fremd fühlst, das Nachprüfen hält den Zustand am Leben. Lenke die Aufmerksamkeit um, was beachtet wird, wird größer, was unbeachtet bleibt, kleiner.

Was diese Zustände gemeinsam haben

Alle vier Varianten haben eine gemeinsame Wurzel: ein überlastetes System im Sparmodus. Brainfog reduziert die kognitive Schärfe, Schwindel das Vertrauen in den Körper, Depersonalisation das Selbstgefühl, Derealisation das Erleben der Umwelt. Dazwischen legt sich eine Schicht, die keine Krankheit ist, sondern eine Schutzreaktion. Nimm den Zustand deshalb als Information: Was war zu viel? Welche Überlastung hat dein System in diesen Modus gebracht? Wer der zugrunde liegenden Belastung nachgeht, statt nur den aktuellen Zustand zu bekämpfen, arbeitet nachhaltig.

Vernebelte Zustände sind für die Außenwelt besonders unsichtbar, man hört Sätze wie „du siehst doch ganz normal aus". Es hilft, jemanden zu haben, der versteht, ohne kleinzureden, ein Therapeut, ein Coach oder ein verständiger Freund. Die Werkzeuge der vorigen Kapitel passen alle: Aufschreiben, Zuneigungen pflegen, Reframing, Atembewegungen und eine kontinuierliche Praxis nach dem Vier-Begriffe-Kompass.

Dieses Kapitel stammt aus meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen". Das ganze Konzept findest du hier:

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