Was du willst und was du dafür brauchst: Warum Symptombekämpfung in die Sackgasse führt

Wir kommen jetzt zu dem Kapitel, das ich für das Wichtigste in meinem Buch halte. Wenn du sonst nichts mitnehmen würdest, hätte das Buch mit diesen Zeilen seinen Zweck erfüllt. Alle Werkzeuge der vorherigen Kapitel sind hilfreich, aber sie sind Mittel zu einem Zweck, und dieser Zweck steckt in zwei einfachen Fragen: Was willst du eigentlich, und was brauchst du dafür?

Diese Fragen klingen fast banal. Wer sich aber eine Weile mit ihnen beschäftigt, merkt, dass sie alles andere als banal sind. Sie werden in unserer Lebensführung am meisten umgangen. Wir tun viel, ohne zu wissen, ob es uns das bringt, was wir wollen. Wir wünschen uns viel, ohne zu wissen, was wir dafür brauchen. Die Dichte unseres Lebens ist hoch, die Klarheit über das eigene Wollen oft erstaunlich gering. Genau diese Diskrepanz ist der Nährboden, auf dem Symptome wachsen.

Warum Symptombekämpfung in eine Sackgasse führt

Die meisten Menschen mit Symptomen formulieren ihr Ziel klar: Sie wollen die Symptome loswerden. Wenn die weg sind, ist alles gut, bis dahin halten sie durch, verschieben, sind im Warte- oder Aushaltemodus. Diese Haltung ist verständlich und eine logische Antwort auf Leiden. Sie führt aber in eine Sackgasse.

Wenn das einzige Ziel deines Lebens darin besteht, das Symptom loszuwerden, richtest du deine ganze Aufmerksamkeit auf das Symptom. Du beobachtest es ständig, prüfst, ob es da ist, bewertest jeden Tag danach, wie viel Symptom er hatte, und machst es damit zur zentralen Bezugsgröße deines Lebens. Was Aufmerksamkeit bekommt, wird aber verstärkt. Indem du das Symptom zum zentralen Thema machst, hältst du es am Leben. Du bekämpfst etwas, das du gleichzeitig fütterst. Deshalb führt Symptombekämpfung selten zum Symptomende, sondern meist zu mehr Symptomen oder zu einem Austausch des alten gegen ein neues.

Hinzu kommt: Selbst wenn die Bekämpfung kurzfristig erfolgreich ist, hast du ein Problem. Du hast nichts, womit du den frei werdenden Raum füllst. Wenn der Schwindel weg ist, was machst du dann? Wenn die Panikattacken aufhören, wofür stehst du morgens auf? Diese Fragen sind unangenehm, weil sie das Vakuum hinter der Symptombekämpfung aufdecken. Viele haben sich so lange auf das Verschwinden konzentriert, dass sie nicht mehr wissen, wozu. Sie haben das Mittel zum Zweck gemacht und den Zweck vergessen. So gilt: Wenn nur die Symptome bekämpft und nichts anderes gepflegt wird, kommt man selbst nach ihrem Verschwinden nicht an.

Die entscheidende Verschiebung

Im Kern geht es um eine einfache Verschiebung. Statt zu fragen „Wie kann ich meine Symptome reduzieren?", fragst du: Was will ich heute, und was brauche ich dafür? Diese kleine andere Frage verschiebt deinen Aufmerksamkeitsfokus, verändert deine Beziehung zu dir selbst und öffnet Räume, in denen Symptome an Bedeutung verlieren.

Die erste Frage, „Was will ich?", ist unangenehm, weil viele ihre Antwort nicht mehr kennen. Sie haben so lange getan, was andere wollten oder die Umstände verlangten, dass das eigene Wollen zugewachsen ist. Konkret wird es, wenn du dir Zeit nimmst und aufschreibst, was dir einfällt: vielleicht das Klavierspielen, das du seit Jahren nicht mehr angerührt hast, ein Brief an einen Menschen, den du vermisst, ein Spaziergang in der Mittagssonne, ein ruhiger Sonntagvormittag ohne Termin. Kleine, konkrete, echte Antworten.

Die zweite Frage, „Was brauche ich dafür?", übersetzt das Wollen in das Tun. Willst du wieder Klavier spielen, brauchst du Zeit, vielleicht ein gestimmtes Instrument, Noten, vor allem aber die Erlaubnis von dir selbst, dir diese Zeit zu nehmen, und Geduld, weil du anfangs nicht mehr so spielen wirst wie früher. Wenn du dir diese beiden Fragen täglich stellst, dreht sich dein Tag nach einigen Wochen um andere Dinge. Du nimmst dich ernster, und ein System, das in dem gehört wird, was es will, hat weniger Anlass, mit Symptomen zu reagieren.

Pacing und Leading: beobachten und steuern

Ein hilfreiches Modell aus der Hypnotherapie heißt Pacing und Leading. Pacing meint das Mitgehen, das Beobachten und Wahrnehmen dessen, was gerade ist. Leading meint das aktive Steuern, das bewusste Lenken in eine Richtung. Beides brauchst du, in der richtigen Reihenfolge.

Ohne Pacing geht das Leading schief: Wer ohne Beobachtung lenkt, lenkt ins Ungewisse. Wer sich vornimmt, ab heute glücklich zu sein, ohne zu wissen, was ihn bislang unglücklich gemacht hat, kommt mit dem Vorsatz nicht weit, er schwebt über der Realität. Ohne Leading bleibt Pacing fruchtlos: Wer nur beobachtet, ohne je zu lenken, dreht sich im Kreis seiner Wahrnehmungen und weiß nach Jahren sehr genau, wer er ist, hat aber nichts verändert. Selbstbeobachtung ohne Konsequenz wird zur Selbstgenügsamkeit oder, schlimmer, zur Selbstpathologisierung.

Was du brauchst, ist ein Wechselspiel: Du beobachtest, was ist, lenkst gezielt in eine Richtung, beobachtest, was die Lenkung mit dir macht, und justierst nach. So entsteht eine Bewegung, die nicht starr ist, sondern sich an die Wirklichkeit anpasst.

Die Heatmap deines Lebens

Stell dir vor, jemand zeichnet eine Karte deines Lebens mit allen Bereichen, die dir wichtig sind: Beruf, Familie, Freundschaften, Partnerschaft, Gesundheit, Finanzen, Wohnen, Hobbys, geistige Entwicklung, körperliche Aktivität. Diese Person misst über einen Tag, wie viel Aufmerksamkeit in jeden Bereich fließt, und markiert es farblich: heiß für viel, kalt für wenig. Was würde deine Heatmap zeigen?

Die meisten sind überrascht. Bestimmte Bereiche glühen rot, andere sind eiskalt blau. Was in unserer Vorstellung wichtig ist, taucht in der tatsächlichen Aufmerksamkeit kaum auf, und was nur am Rande sein sollte, frisst die meiste Energie. Genau in diesem Spalt zwischen dem, was wir wichtig finden, und dem, was wir tun, wohnt die meiste Unzufriedenheit.

Manche Bereiche lassen sich nicht ändern: Die Verantwortung für ein krankes Elternteil kannst du nicht abschütteln, den Job nicht von heute auf morgen wechseln. Aber andere schon. Du kannst entscheiden, ob der Sport, der dir guttut, im kalten Bereich bleibt, ob du vermisste Freundschaften wieder aktivierst, ob die Stille, die dir guttut, täglich einen Platz bekommt. Diese Verschiebungen sind nicht spektakulär, aber sie verändern die Heatmap, und über Wochen verändert eine neu strukturierte Heatmap, was du erlebst. Was Aufmerksamkeit bekommt, wird gepflegt, was gepflegt wird, wächst, was wächst, prägt das Erleben. So baut sich Lebensqualität auf, ohne dass das Symptom direkt angegriffen wird, und die Symptome treten in den Hintergrund, weil dein Leben einen anderen Schwerpunkt bekommt.

Wenn das Symptom zum Wegweiser wird

Sobald du dich um das kümmerst, was du willst und brauchst, bekommt dein Symptom eine andere Funktion. Es ist nicht mehr nur Belastung, sondern Wegweiser. Du beobachtest, wann es sich verstärkt und wann es zurückgeht, und erkennst, dass es dir etwas zeigt: Stellen, an denen du nicht stimmig bist, Themen, die du anschauen darfst. Meldet sich der Schwindel immer dann, wenn du in den Job musst, ist das keine Schikane, sondern eine Information. Meldet sich die Panik, wenn du eine bestimmte Person treffen sollst, ist das keine Bösartigkeit, sondern eine Mitteilung. Meldet sich das enge Gefühl, wenn du etwas tun sollst, was du nicht willst, ist das keine Krankheit, sondern Klarheit.

Diese Haltung verändert deine Beziehung zum Symptom radikal. Du musst es nicht mehr hassen, nicht mit aller Kraft loswerden. Du kannst ihm zuhören. Es will dir etwas sagen, und meist etwas Wahres. Wenn du anfängst, es zu hören, statt es abzuschütteln, wird es oft leiser, weil es nicht mehr schreien muss, um verstanden zu werden. Das ist keine Mystik, das ist Funktion.

📘 Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meines Buches „Schluss mit Symptomen".

Das ganze Kapitel und viele weitere Werkzeuge findest du im Buch bzw. Hörbuch → hier ansehen.

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