Die Vorgeschichte unter dem Symptom: Warum der Auslöser nicht die Ursache ist

Wenn ich Klienten in der ersten Sitzung begrüße, stelle ich fast immer eine Frage, sobald das Symptom beschrieben ist: Wie war dein Leben in der Zeit, bevor das Symptom angefangen hat? Diese Frage löst zunächst meist Verwirrung aus. Die Menschen sind gekommen, um über ihr Symptom zu sprechen, nicht über ihr Leben drumherum, und hatten auf eine Erklärung, eine Behandlungsempfehlung, einen Plan gehofft. Erst wenn wir eine Weile gesprochen haben, wird oft sichtbar, dass das, was vor dem Symptom war, eng mit dem Symptom selbst zusammenhängt.

Ein Beispiel

Stell dir eine Frau mittleren Alters vor, die seit zwei Monaten unter Schwindelattacken leidet. Sie kann genau sagen, wann es angefangen hat: Es war ein Mittwoch, sie war im Auto auf dem Heimweg, plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen, sie musste rechts ranfahren und konnte erst nach zwanzig Minuten weiterfahren. Seitdem traut sie sich nicht mehr allein ins Auto, nicht mehr in größere Menschenmengen, und jeden Morgen prüft sie, ob es heute wiederkommt. Aus ihrer Sicht war der Mittwoch der Ursprung des Problems.

Frage ich weiter, kommen andere Dinge ans Licht: Sie pflegt seit drei Jahren ihre an Demenz erkrankte Mutter. Sie arbeitet in einer Firma, die ständig umstrukturiert wird, mit der Drohung weiterer Entlassungen. Ihre Ehe ist nicht mehr das, was sie einmal war, aber niemand spricht darüber. Sie hat seit Monaten keine richtige Pause gemacht und seit Jahren keine richtige Freude gespürt. Sie funktioniert. Spiegele ich ihr diese Verbindungen vorsichtig, sagt sie zunächst: „Aber das hat doch mit dem Schwindel nichts zu tun."

Diese Reaktion ist typisch. Sie zeigt, wie das Bewusstsein eine Trennung zwischen dem akuten Symptom und der Lebensgeschichte aufrechterhält, obwohl beide eng verbunden sind.

Das Symptom ist die Spitze eines Eisbergs

Was wir an der Oberfläche sehen, ist klein und punktuell. Was darunter liegt, ist groß und lange gewachsen. Das Symptom ist nicht am Mittwoch entstanden, es besteht aufgrund von etwas, das sich über drei Jahre aufgebaut hat. Der Mittwoch war nicht die Ursache, sondern der Zeitpunkt, an dem das Fass überlief. Hätte es den Mittwoch nicht gegeben, wäre es ein Donnerstag geworden oder ein anderer Tag, an dem das System die kritische Schwelle überschreitet.

Diese Unterscheidung zwischen akutem Auslöser und zugrunde liegender Entwicklung ist für die meisten ungewohnt. Sie suchen die Ursache dort, wo das Problem sichtbar wurde, und übersehen, dass dieses Sichtbarwerden nur das letzte Glied einer langen Kette ist. Das gilt nicht nur für Schwindel: Eine Panikattacke entsteht nicht in dem Moment, in dem sie auftritt, ein Tinnitus nicht, wenn das Pfeifen anfängt, eine generalisierte Angststörung nicht plötzlich. Sie alle sind in einem System gewachsen, das über lange Zeit überfordert wurde.

Warum die Vorgeschichte so schwer zu sehen ist

Dafür gibt es vier Gründe. Erstens ist die Vorgeschichte schleichend: Sie besteht nicht aus dramatischen Einzelereignissen, sondern aus tausend kleinen Verschiebungen, die für sich genommen unauffällig sind und sich erst in der Summe bemerkbar machen. Wenn dann etwas sichtbar wird, erscheint es plötzlich, weil die kleinen Schritte an der Wahrnehmung vorbeigelaufen sind.

Zweitens gewöhnen wir uns an unsere Verhältnisse. Was anfangs belastend war, wird mit der Zeit normal. Du gewöhnst dich an einen Job, der dich auslaugt, an eine Beziehung, in der du dich nicht gesehen fühlst, und nimmst deinen jetzigen Zustand als Normalzustand wahr, obwohl er das nicht ist.

Drittens haben wir oft keine Erlaubnis, die Vorgeschichte zu sehen. In vielen Umfeldern ist es nicht erwünscht, sich über die eigenen Verhältnisse zu beschweren. Du sollst dankbar sein, funktionieren, nicht jammern. Also lernst du, bestimmte Wahrnehmungen herunterzuspielen. Die Unzufriedenheit verschwindet aber nicht, nur weil du sie nicht spürst, sie wird zum Hintergrundrauschen, das langfristig auf dein System wirkt.

Viertens sehnen wir uns nach einer einfachen Erklärung. Eine einzige Ursache lässt sich angehen, eine ganze Lebenssituation wirkt überwältigend. Deshalb klammern sich viele an einzelne Kandidaten wie eine Nackenverspannung oder Schimmel in der Wohnung, und übersehen, dass auch eine Verspannung das Resultat einer lange gewachsenen Unzufriedenheit sein kann.

Verantwortung ist nicht dasselbe wie Schuld

An dieser Stelle taucht regelmäßig eine Sorge auf: Wenn die Vorgeschichte so wichtig ist, bin ich dann nicht selbst schuld an meinen Symptomen? Diese Sorge beruht auf einer Verwechslung. Schuld bedeutet, dass du etwas Falsches getan hast, obwohl du wusstest, was du tust, und anders hättest handeln können. In den meisten Fällen, in denen Symptome entstehen, sind diese Voraussetzungen nicht gegeben. Du wusstest nicht, dass die Belastung im Job langfristige Folgen haben würde, dass das Verdrängen deiner Bedürfnisse dein System schädigt, dass sich eine schleichende Veränderung irgendwann als körperliches Symptom zeigen würde. Niemand hat dich aufgeklärt, weil unsere Gesellschaft diese Zusammenhänge selten thematisiert. Du bist nicht schuld.

Verantwortung ist etwas anderes. Sie bedeutet nur, dass du jetzt die Person bist, die etwas ändern kann, und sagt nichts darüber aus, ob du etwas falsch gemacht hast. Im Englischen steckt im Wort „responsibility" ein schönes Wortspiel: „response-ability", die Fähigkeit zu antworten. Genau darum geht es, nicht um das Tragen einer Schuld, sondern darum, auf das antwortfähig zu werden, was dein Leben dir gerade vorlegt. Das ist die Bewegung aus dem passiven Empfangen von Symptomen hin zum aktiven Gestalten deines Weges.

Die Übung: deine Vorgeschichte aufschreiben

Es gibt eine einfache Praxis, mit der du deiner Vorgeschichte näherkommst, ohne in tiefe Spekulationen zu verfallen. Sie heißt Schreiben. Nimm dir an einem ruhigen Abend eine halbe Stunde. Setz dich an einen Tisch, leg ein Heft bereit oder öffne ein Dokument und schreibe oben die Frage: Wie war mein Leben in den drei Jahren, bevor das Symptom angefangen hat?

Dann schreib alles auf, was dir einfällt, nicht in Sätzen, sondern in Gedanken, ohne zu zensieren, zu bewerten oder zu prüfen, ob es wichtig ist. Was dir einfällt, ist wichtig, sonst wäre es dir nicht eingefallen. Zuerst wirst du an der Oberfläche bleiben, bei Jobs, Reisen und offiziellen Veränderungen. Bleib dran, dann kommst du in tiefere Schichten: zu Gefühlen, unausgesprochenen Sorgen, nicht eingelösten Wünschen. Schreib auch das auf, was dir peinlich oder banal vorkommt.

Danach lehn dich zurück und überflieg, was du geschrieben hast. Du wirst Muster erkennen, wiederkehrende Themen, Stellen, an denen schon lange etwas im Argen liegt. Manche erleben dabei einen Moment, in dem sie zum ersten Mal sehen, was sich entwickelt hat: überrascht, erschüttert oder erleichtert, weil endlich etwas einen Namen hat.

Wichtig ist, dass du diese Übung nicht als Anklage gegen dich verstehst. Sie ist keine Liste deiner Versäumnisse, sondern eine Bestandsaufnahme dessen, was war und was ist, mit der Möglichkeit, daraus für die Zukunft etwas anderes zu machen. Gerätst du in eine selbstkritische Schleife, leg den Stift weg, atme durch und erinnere dich: Das hier ist kein Gericht, sondern eine Bestandsaufnahme.

Denn der erste Schritt ist immer die Aufnahme. Wer nicht weiß, was war, kann nicht entscheiden, was sein soll. Die Vorgeschichte zu sehen ist die Voraussetzung dafür, eine andere Geschichte zu schreiben.

📘 Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel meines Buches „Schluss mit Symptomen".

Das ganze Kapitel und viele weitere Werkzeuge findest du im Buch bzw. Hörbuch → hier ansehen.

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