Warum fühle ich mich krank, obwohl alle Befunde gut sind?

Dieses Kapitel klärt eine Beziehung, die für dich vermutlich von Enttäuschung geprägt ist, die zu deinem Arzt. Du erfährst, warum du dich krank fühlen kannst, obwohl alle Befunde gesund sind, und warum beides gleichzeitig wahr sein darf. Der Schlüssel liegt in einer Unterscheidung, die fast nie ausgesprochen wird: Gesundheit und Wohlbefinden sind nicht dasselbe.

Gesundheit und Wohlbefinden sind nicht dasselbe

Du fühlst dich krank, deutlich, körperlich, unabweisbar, und trotzdem sagen dir alle Untersuchungen, dass du gesund bist. Blutwerte gut, EKG unauffällig, Ultraschall ohne Befund. Zu Hause liest du im Arztbrief „kein pathologischer Befund", ein Satz, der dich erfreuen sollte und sich wie eine Abweisung anfühlt. Für viele Betroffene ist genau dieser Widerspruch der Kern ihres Leidens, und aus ihm erwächst der quälende Verdacht, es müsse etwas übersehen worden sein.

Der Arzt untersucht deine Gesundheit, also die Frage, ob eine behandelbare Krankheit vorliegt. Was du fühlst, ist dein Wohlbefinden, also die Frage, wie es dir gerade geht. Beide hängen zusammen, sind aber nicht identisch und können in verschiedene Richtungen zeigen. Man kann medizinisch gesund sein und sich schlecht fühlen, und man kann eine Krankheit tragen und sich blendend fühlen, ein unentdeckter Bluthochdruck tut nicht weh. Fühlen und Befund sind zwei verschiedene Messinstrumente.

Denk an einen Menschen nach einer schlaflosen Nacht: Kopf dumpf, Magen flau, Herz unruhig, und doch findest du nichts Krankhaftes. Oder an einen Menschen in tiefer Trauer: enger Brustkorb, bleierne Glieder, kein Labor misst eine Krankheit. Bei Schlaflosigkeit und Trauer verstehen wir sofort, dass ein gesunder Körper sich elend anfühlen kann. Bei der Krankheitsangst gilt dasselbe, nur sind die Umstände keine einzelne Nacht, sondern ein Dauerzustand aus Anspannung und Sorge über Monate. Das Nervensystem steht unter Dauerspannung, Stresshormone zirkulieren erhöht, Muskeln verspannen und schmerzen, die Verdauung arbeitet anders, der Schlaf wird flacher. All das erzeugt reale Empfindungen, die sich wie Krankheit anfühlen, ohne Ausdruck einer Krankheit zu sein.

Es gibt also eine dritte Wahrheit, und sie stimmt: Ich bin im medizinischen Sinne gesund, und mein Unwohlsein ist trotzdem echt, weil es aus einem realen Zustand meines Systems kommt, nur nicht aus einer Krankheit. Deine bisherige Suche war so erschöpfend erfolglos, weil du auf der Ebene der Gesundheit nach einer Ursache gesucht hast, die auf der Ebene des Wohlbefindens liegt, als würdest du in der Garage nach einem Wasserschaden suchen, der im Badezimmer entstanden ist. Deinem Umfeld kannst du einen Satz anbieten, der beide Ebenen zusammenbringt: Ich bin gesund, und mir geht es trotzdem gerade nicht gut, und ich arbeite an dem zweiten Teil.

Wofür der Arzt zuständig ist

Der Arzt ist Experte für Krankheiten. Die medizinische Diagnostik funktioniert wie ein Netz, das gezielt auf das Gefährliche ausgelegt ist, was hindurchfällt, ist nicht übersehen, sondern geprüft und für nicht gefährlich befunden. „Kein Befund" heißt nicht „sie haben nichts gefunden, noch nicht", sondern „es wurde gezielt nach den gefährlichen Erkrankungen gesucht, und sie liegen nicht vor". Ein negatives Ergebnis ist in der Medizin genauso viel wert wie ein positives, du darfst es besitzen wie ein Dokument, statt es wie einen Verdacht zu behandeln.

Was der Arzt nicht leisten kann, ist, dir dein Wohlbefinden zurückzugeben. Er kann dir sagen, dass dein Herz gesund ist, aber nicht, dem Herzen wieder zu vertrauen. Für die Frage, ob eine Krankheit vorliegt, ist er zuständig, für die Frage, wie du mit einem gesunden, aber sich unwohl anfühlenden Körper umgehst, bist du es, mit der Unterstützung, die du dir suchst. Das ist keine Verlassenheit, sondern eine Machtübergabe, denn alles, was in deiner Zuständigkeit liegt, liegt auch in deiner Reichweite.

Und noch eine Forderung kann kein Arzt erfüllen: hundertprozentige Sicherheit. Medizin arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, ein seriöser Arzt gibt keine absolute Garantie, gerade weil er seriös ist. In allen anderen Lebensbereichen lebst du längst gut mit ausreichender statt absoluter Sicherheit, du steigst ins Auto, ohne eine Garantie für die Fahrt zu verlangen. Gründlich geprüft, nichts Gefährliches gefunden, das reicht, nicht weil mehr nicht wünschenswert wäre, sondern weil mehr nicht existiert, für niemanden.

Sag deinem Arzt offen, dass du unter Krankheitsangst leidest, das ist keine Schwäche, sondern eine klinisch relevante Information. Dann kann er seine Befunde so erklären, dass dein Kopf etwas damit anfangen kann, und ihr findet gemeinsam eine Linie. Das heißt ausdrücklich nicht, den Arzt zu meiden, neu auftretende oder veränderte Symptome gehören abgeklärt. Der Unterschied liegt nicht darin, ob du gehst, sondern mit welcher Erwartung und wie oft. Einmal gründlich abklären ist Fürsorge, dieselbe Beschwerde immer wieder abklären, damit die Beruhigung diesmal länger hält, ist ein psychologisches Bedürfnis, das auf medizinischem Weg nie gestillt wird. Faustregel: Gehe ich, weil sich etwas Konkretes verändert hat, oder weil die Angst wieder lauter geworden ist?

Wenn die Abklärung selbst zum Symptom wird

Die Abklärung wird zum Symptom, wenn sie nicht mehr eine konkrete Frage klärt, sondern zu einer wiederholten Handlung wird, die die Angst kurz besänftigt und langfristig füttert. Von außen sieht das aus wie Vernunft, von innen ist es ein Ritual geworden, und Rituale beruhigen nicht, weil sie etwas klären, sondern weil sie vollzogen werden. Die Grenze ist überschritten bei Wiederholung ohne neuen Anlass, bei immer kürzer haltender Beruhigung, beim beginnenden Wechsel von Arzt zu Arzt und wenn du schon beim Verlassen der Praxis innerlich den nächsten Termin vorbereitest.

Wiederholtes Absichern ist nicht harmlos, denn jede Rückversicherung übermittelt dem ängstlichen Kopf die Botschaft, deine Sorge sei berechtigt gewesen, sonst hätten wir nicht nachgeschaut. Dein Kopf beobachtet auch dich und zieht Rückschlüsse: Ein Mensch, der viermal im Jahr sein Herz durchchecken lässt, muss ein bedrohtes Herz haben. So wird aus jeder beruhigend gemeinten Untersuchung eine Trainingseinheit, die der Angst beibringt, dass Absichern nötig ist.

Eine hilfreiche Prüfung: Würde ein vernünftiger, nicht ängstlicher Mensch mit denselben Beschwerden und Vorbefunden diese Untersuchung auch machen lassen? Sagt dieser gelassene Bekannte „ja, das würde ich abklären lassen", geh ohne schlechtes Gewissen. Sagt er „das wurde doch vor sechs Wochen erst angeschaut", ist der Termin keine Vorsicht, sondern ein Nachgeben gegenüber der Angst, verkleidet als Vernunft. Triff diese Entscheidung nicht erst im Moment der Angst, sondern vorher, im ruhigen Zustand, am besten gemeinsam mit einem Arzt deines Vertrauens: festlegen, was abgeklärt wird und wann ein Thema geschlossen gilt, vielleicht ein fester Kontrollrhythmus und dazwischen keine angstgetriebenen Zusatztermine. Diese Struktur nimmt der Angst ihr wichtigstes Druckmittel, die Dringlichkeit, und ist wie ein Geländer, auf das du im Sturm nur zeigen musst, statt mit der Angst zu diskutieren. Dazu gehört: eine Tür statt vieler Türen. Ein Hausarzt, der deine Geschichte kennt, kann einordnen statt neu aufrollen, jeder zusätzliche neue Arzt beginnt bei null und eröffnet den Fall für deinen Kopf wieder neu.

Real und trotzdem harmlos

Eine Empfindung kann vollkommen real und zugleich vollkommen harmlos sein. Dein ängstlicher Kopf argumentiert mit der Intensität, wenn ich es so deutlich spüre, muss es etwas Ernstes sein. Das ist ein Trugschluss. Ein Wadenkrampf katapultiert dich nachts mit heftigstem Schmerz aus dem Bett und ist fast immer bedeutungslos, ein Schluckauf ist präsent und banal. Die Lautstärke einer Empfindung sagt nichts über ihre Gefährlichkeit, eher im Gegenteil, manches wirklich Behandlungsbedürftige ist lange stumm.

Das eindrucksvollste Beispiel trägt einen eigenen Namen, das Roemheld-Syndrom. Sammelt sich im Magen oder Darm Luft an, etwa nach üppigem Essen, entsteht Druck im Bauchraum, der von unten gegen das Zwerchfell schiebt und nach oben weitergegeben wird, dorthin, wo das Herz liegt. Die Folgen: Druckgefühl in der Brust, Herzstolpern, Beklemmung, manchmal Luftnot, Empfindungen also, die verblüffend an ein Herzproblem erinnern. Und sie sind vollkommen real, da drückt und stolpert wirklich etwas, und zugleich vollkommen harmlos, ihre Ursache ist ein Verdauungsvorgang, kein krankes Herz.

Das heißt nicht, künftig jedes Druckgefühl selbst als Verdauung abzutun, Beschwerden in dieser Region gehören abgeklärt, gerade beim Herzen, erst abklären, dann einordnen. Es geht um das Prinzip: Für fast jede Empfindung, die dich je beunruhigt hat, existiert eine banale, häufige Ursache, der Schwindel beim schnellen Aufstehen, das Muskelzucken nach Anstrengung, der Spannungskopfschmerz, das Augenflimmern nach Stunden am Bildschirm. Die bedrohliche Deutung ist nur eine von mehreren und meist die unwahrscheinlichste. Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten, nur präsentiert dein Kopf dir das Seltene zuerst.

Dieses Wissen macht dich nicht zum Diagnostiker und soll kein neues Kontrollwerkzeug werden. Es gibt dir die Möglichkeit, überhaupt eine harmlose Erklärung in Betracht zu ziehen. Dein Kopf stellt dir sonst eine Auswahl mit nur einer Option hin und nennt das Denken, mit einer zweiten Möglichkeit wird aus dem Urteil wieder eine offene Frage, und eine offene Frage macht weniger Angst als ein gefälltes Urteil. Mit der Zeit entsteht daraus ein Wiedererkennen: Abgeklärte und eingeordnete Empfindungen werden von Fremden zu alten Bekannten, und alte Bekannte muss man nicht jedes Mal neu verhören. Wenn das vertraute Stolpern kommt, darf die innere Reaktion lauten, ah, das kenne ich, das wurde angeschaut, ein kurzes Nicken statt einer neuen Ermittlung. Die Kunst ist, das Wissen nicht in ein freundlicheres Verhör zu verwandeln, nicht „ich beweise mir lückenlos, dass es harmlos ist", sondern „es gibt harmlose Erklärungen, das Nötige ist abgeklärt, und jetzt lasse ich es gut sein".

Dieses Kapitel stammt aus dem Hörbuch „Schluss mit Krankheitsangst". Das Buch und Hörbuch findest du hier → hier ansehen.

Du fühlst dich krank, obwohl alle Befunde gut sind, und möchtest aus der Terminschleife aussteigen? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Zurück
Zurück

Die Zwickmühle: Angst vor der Krankheit, Angst vor dem Arzt

Weiter
Weiter

Warum google ich meine Symptome, obwohl ich weiß, dass es mir schadet?