Beckenbodensyndrom: Wie Du einen verspannten Beckenboden in den Griff bekommst
Ein Druck oder Ziehen im Unterleib, Beschwerden beim Wasserlassen, Schmerzen im unteren Rücken oder ein diffuses Unwohlsein im Beckenbereich. Vielleicht hast Du schon fleißig Beckenbodenübungen gemacht, und es wurde nicht besser, womöglich sogar schlimmer. Das hat oft einen einfachen Grund, an den kaum jemand denkt: Dein Beckenboden ist vielleicht nicht zu schwach, sondern zu verspannt. Schauen wir uns das an.
Der Beckenboden kann auch verspannen
Der Beckenboden ist eine Gruppe von Muskeln, die den unteren Teil des Beckens stützt und wichtige Aufgaben bei Blase, Darm und Sexualität übernimmt. Fast immer denken wir bei Beschwerden an einen schwachen Beckenboden. Doch genauso gibt es das Gegenteil, einen dauerhaft überspannten, verhärteten Beckenboden, den man hyperton nennt.
Das Tückische ist, dass ein verspannter Beckenboden ganz ähnliche Beschwerden macht wie ein schwacher. Schmerzen, Druck, Probleme beim Wasserlassen oder beim Sex können bei beidem auftreten. Deshalb wird die Verspannung so oft übersehen, und genau diese Verwechslung ist der Grund, warum manche Übungen nicht helfen.
Die unterschätzte Rolle von Stress
Hier kommt Dein vegetatives Nervensystem ins Spiel. Bei anhaltendem Stress schaltet der Körper in Daueralarm, und die Muskulatur spannt sich im ganzen Körper unbewusst an, auch der Beckenboden. Er ist damit ein Spiegel Deiner inneren Anspannung, ganz ähnlich wie der verspannte Nacken oder der zusammengebissene Kiefer.
Besonders spannend ist die Verbindung zwischen Kiefer und Beckenboden. Wer unter Stress die Zähne zusammenbeißt, spannt oft unbewusst zugleich den Beckenboden an. Auch der Hüftbeuger, ein Muskel, der bei Gefahr fürs schnelle Losrennen zuständig ist, verspannt unter Dauerstress und zieht am Becken mit. Dein Beckenboden hält also die Anspannung mit, die eigentlich in Deinem Leben und in Deinem Nervensystem steckt.
Warum mehr Training oft der falsche Weg ist
Das ist der entscheidende Punkt. Wenn Dein Beckenboden bereits überspannt ist, macht ihn noch mehr Anspannung nicht gesünder, sondern verschlimmert das Problem. Zu intensives oder falsches Training, etwa übertriebene Kegel-Übungen, kann einen verspannten Beckenboden weiter überlasten. Ein hypertoner Muskel braucht nicht noch mehr Kraft, sondern das Gegenteil, nämlich Entspannung.
Deshalb ist der erste und wichtigste Schritt, herauszufinden, worum es bei Dir überhaupt geht, um Schwäche oder um Verspannung. Das lässt sich nicht erraten. Eine spezialisierte Beckenboden-Physiotherapie kann das beurteilen und Dir sagen, in welche Richtung Du überhaupt arbeiten solltest. Damit ersparst Du Dir Übungen, die Deine Beschwerden womöglich verstärken.
Wie Du den Beckenboden wieder entspannst
Ist die Verspannung erkannt, geht es ums Loslassen. Entspannungstechniken wirken hier unmittelbar, etwa eine ruhige Bauchatmung, bei der sich der Beckenboden mit dem Ausatmen bewusst lösen darf, sanfte Dehnungen oder progressive Muskelentspannung. Achte im Alltag darauf, ob Du unbemerkt Kiefer und Beckenboden anspannst, und erlaube beiden bewusst, locker zu werden.
Der nachhaltigste Hebel liegt aber eine Ebene tiefer. Weil der Beckenboden die allgemeine Stressanspannung mithält, hilft alles, was Deine Grundanspannung senkt, also Bewegung, guter Schlaf, echte Pausen und der ehrliche Blick auf das, was Dich dauerhaft unter Druck setzt. Wenn Dein Nervensystem herunterfährt, darf auch der Beckenboden loslassen. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden gilt: Lass das ärztlich und physiotherapeutisch begleiten, das ist der sichere Weg.
Das Wichtigste auf einen Blick: Beschwerden im Beckenbereich kommen oft nicht von einem zu schwachen, sondern von einem zu verspannten, hypertonen Beckenboden, der ähnliche Symptome macht. Chronischer Stress ist ein Hauptauslöser, weil er die Muskulatur unbewusst anspannt, wobei Kiefer und Hüftbeuger direkt mitwirken. Mehr Training ist dann der falsche Weg, ein verspannter Beckenboden braucht Entspannung statt Kraft. Der erste Schritt ist eine fachliche Beurteilung durch Beckenboden-Physiotherapie, danach helfen Entspannung, bewusste Atmung und das Senken der Grundanspannung.
Wenn Du selbst betroffen bist:
Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.
In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.
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