Angst lebt von dem, was wir nicht verstehen. Ein Wort im Arztbrief, das bedrohlich klingt. Eine Zahl im Langzeit-EKG, die riesig wirkt. Ein Puls, der im Sitzen plötzlich über 100 steigt. Solange Du nicht weißt, was dahintersteckt, füllt Dein Kopf die Lücke mit den dunkelsten Bildern.
Im zweiten Kapitel meines Buches „Schluss mit Herzangst“ schauen wir deshalb ganz nüchtern auf Dein Herz. Du musst nichts auswendig lernen. Es reicht, wenn Du Deinen nächsten Befund mit anderen Augen liest.
Was eine Extrasystole ist
Dein Herz hat einen Taktgeber, den Sinusknoten in der Wand des rechten Vorhofs. Stell ihn Dir wie einen zuverlässigen Dirigenten vor. Sein Impuls läuft über die Vorhöfe zu den Kammern, die das Blut in Körper und Lunge pumpen. Steht in Deinem Arztbrief „Sinusrhythmus“, ist das ein gutes Zeichen: Der Dirigent hat das Kommando.
Dein Herz ist aber kein Uhrwerk. Es besteht aus Millionen lebender Zellen, und viele können selbst einen Impuls erzeugen. Tut eine Zelle das, bevor der Dirigent seinen nächsten Einsatz gibt, kommt ein Schlag zu früh. Genau das ist eine Extrasystole. Extra heißt zusätzlich, Systole heißt Zusammenziehen.
Kommt der verfrühte Impuls aus den Vorhöfen, spricht man von supraventrikulären Extrasystolen, kurz SVES. Kommt er aus einer Kammer, heißt er ventrikuläre Extrasystole, kurz VES. Nach beiden folgt meist eine kleine Pause, dann geht es im gewohnten Takt weiter. Was man im EKG nicht sieht, ist das, was viele fürchten: ein Herz, das stehen bleibt. Das Herz setzt nicht aus. Es ist wie ein Spaziergänger, der kurz stolpert, einen Ausfallschritt macht und normal weitergeht.
Begriffe wie Bigeminus (auf jeden normalen Schlag folgt ein Extraschlag), Couplet (zwei Extraschläge hintereinander) oder monomorph (alle sehen gleich aus) klingen dramatischer, als sie meist sind. Sie beschreiben ein Muster, keine Diagnose. Ob es Bedeutung hat, beurteilt Dein Kardiologe im Zusammenhang mit allen Befunden, vor allem mit dem Herzultraschall.
Das Wort Herzrhythmusstörung
Extrasystolen zählen zu den Herzrhythmusstörungen. Lass Dich von diesem Wort nicht schrecken. Streng genommen ist jede Abweichung vom gleichmäßigen Ruherhythmus eine Rhythmusstörung, auch der schnellere Herzschlag nach dem Treppensteigen. Selbst die feine Veränderung des Herzschlags beim Ein- und Ausatmen gehört dazu, und sie gilt sogar als Zeichen eines gesunden, anpassungsfähigen Herzens. Das Wort allein sagt nichts darüber, ob etwas behandelt werden muss.
Bei gesunden Menschen haben Extrasystolen meist banale Auslöser: Stress, Schlafmangel, Aufregung, hohe Belastung, dazu Koffein, Nikotin und Alkohol. Hast Du an einem ruhigen Tag acht Extraschläge, sind es nach einigen starken Tassen Kaffee vielleicht zwanzig. Das ist kein Alarmsignal, sondern die normale Reaktion eines lebenden Organismus.
Wie viele Extrasystolen sind normal?
Ein Zuschauer schrieb mir, sein Langzeit-EKG habe 8000 Extrasystolen gezeigt. Sein Herz sei ohne Befund, doch im Internet habe er vom plötzlichen Herztod gelesen. 8000 klingt ungeheuerlich. Um die Zahl einzuordnen, brauchst Du eine zweite: Dein Herz schlägt an einem gewöhnlichen Tag etwa 100.000-mal. 8000 Extraschläge sind also rund 8 Prozent. 92 von 100 Schlägen kommen im Takt.
Kardiologen schauen heute weniger auf die absolute Zahl als auf diesen Anteil, die sogenannte Last. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie nennt in ihrer Leitlinie von 2022 etwa 10 Prozent als Schwelle, ab der Extraschläge aus der Herzkammer den Herzmuskel über die Jahre schwächen können. Deutlich höher wird dieses Risiko erst ab etwa 20 Prozent, und selbst dann betrifft es nur eine Minderheit. Oberhalb von 10 Prozent empfiehlt die Leitlinie regelmäßige Kontrollen der Pumpfunktion, meist per Ultraschall. Für Menschen mit erhaltener Pumpkraft und ohne Beschwerden durch die Extraschläge gibt es keine Belege, dass eine Behandlung nützt. Oft nimmt die Zahl mit der Zeit sogar von selbst ab.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Wie viele sind es?“, sondern „Ist das Herz gesund, in dem sie auftreten?“ In einem Herzen mit normaler Pumpkraft und normalem Aufbau gelten Extrasystolen als gutartig.
Die Angst vor dem plötzlichen Herztod
Der plötzliche Herztod ist real. Er trifft aber in der überwältigenden Mehrzahl Menschen mit einer ernsthaften Herzerkrankung, etwa nach einem Infarkt, bei einer verdickten oder geschwächten Herzwand oder bei bestimmten erblichen Rhythmusstörungen. Genau danach sucht die kardiologische Abklärung. Wer im Internet darüber liest, liest über kranke Herzen, nicht über sich.
Dein Kopf unterscheidet nicht zwischen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit. Ihm reicht, dass etwas grundsätzlich passieren kann. So verbindet sich die Zahl 8000 mit dem Wort Herztod, und ein gutartiger Befund fühlt sich an wie ein Urteil. Dabei spürt niemand 8000 Extraschläge. Das wären mehr als fünf pro Minute, rund um die Uhr. Deine Wahrnehmung ist echt, aber sie ist kein Messgerät. Die Zahl im Befund ist eine Information für Deinen Arzt, keine Bedrohung, die Du im Kopf tragen musst.
Herzrasen in Ruhe
Viele spüren kein Stolpern, sondern ein zu schnelles Herz, mitten in der Ruhe. Bleibt dabei der Sinusknoten im Amt, nennen Ärzte das Sinustachykardie: ein normaler Rhythmus in höherem Tempo. In Ruhe gilt ein Puls zwischen 60 und 100 als normal.
Warum rast ein gesundes Herz in Ruhe? Weil es auf Hormone reagiert. Adrenalin und Noradrenalin beschleunigen den Herzschlag, um Dich auf Kampf oder Flucht vorzubereiten. Für Dein Herz spielt es keine Rolle, ob der Auslöser ein Säbelzahntiger ist, eine Deadline oder der Gedanke an die nächste Untersuchung. Ärzte prüfen bei dauerhaft hohem Puls routinemäßig Schilddrüse, Blutbild, Flüssigkeitshaushalt und Medikamente. Ist all das ausgeschlossen, bleibt fast immer die Anspannung.
Betablocker wie Bisoprolol dämpfen die Wirkung der Stresshormone am Herzen. Ob ein solches Medikament für Dich sinnvoll ist, kann nur Dein Arzt beurteilen, und Fragen zu Dosis, Nebenwirkungen oder Absetzen gehören immer zuerst zu ihm. Setze ein solches Medikament nie eigenmächtig ab. Eines kann ein Medikament allerdings nicht: erklären, warum Dein Körper so oft auf Alarm schaltet. Es dämpft das Signal, es verändert nicht den Absender.
Hätte man bei Dir eine behandlungsbedürftige Herzerkrankung gefunden, hätte man Dir einen konkreten Behandlungsvorschlag gemacht. Kam keiner, ist das ein gutes Zeichen. Die entscheidende Frage lautet dann: Was bringt meinen Körper dazu, so oft auf Alarm zu schalten? Und noch ein Alltagstipp: Wenn schon das Pulsmessen Dich aufregt, ist es oft klüger, gar nicht zu messen, es sei denn, Dein Arzt hat Dich ausdrücklich darum gebeten.
Wann Du zum Arzt solltest
Die Regel ist einfach: Ein neues Symptom lässt Du zuerst ärztlich abklären. Das ist keine Schwäche, sondern der vernünftige erste Schritt. Typisch sind Gespräch, Untersuchung, Ruhe-EKG und Blutwerte beim Hausarzt, dazu bei Bedarf ein Langzeit-EKG, beim Kardiologen ein Herzultraschall und manchmal ein Belastungs-EKG.
Sofort den Notruf 112 wählst Du bei starkem Schmerz, Druck, Enge oder Brennen in der Brust, das in Ruhe länger als fünf Minuten anhält, besonders wenn es in Arme, Schultern, Rücken, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlt. Ebenso bei schwerer Atemnot in Ruhe, bei einer Ohnmacht und bei plötzlichem, sehr schnellem, unregelmäßigem Herzrasen, das nicht aufhört, vor allem mit Schwindel oder Brustschmerz. Bei Frauen und älteren Menschen zeigt sich ein Herzinfarkt oft weniger eindeutig, etwa mit Atemnot, Übelkeit, Schweißausbruch oder Schmerzen im Rücken und Oberbauch. Fahr in solchen Situationen nie selbst in die Klinik.
Zeitnah zum Arzt solltest Du, wenn Dein Stolpern neu ist, sich deutlich verändert hat, gehäuft bei Anstrengung auftritt, Du dabei beinahe ohnmächtig wirst oder in Deiner Familie Menschen jung und plötzlich an einer Herzerkrankung gestorben sind.
Der entscheidende Unterschied: Warnzeichen beschreiben etwas Neues, Heftiges, Anhaltendes. Dein vertrautes, untersuchtes Stolpern gehört nicht dazu. Wenn Du in einem akuten Moment wirklich unsicher bist, hol lieber einmal zu viel Hilfe. Aber diese Unsicherheit sollte die Ausnahme sein, nicht die tägliche Frage.
Die Abklärung ist eine beantwortete Frage
Eine Abklärung fragt: Liegt eine Erkrankung vor, die behandelt werden muss? Lautet die Antwort Nein, ist die Frage für das Untersuchte beantwortet. Viele Menschen mit Herzangst behandeln sie dagegen wie eine offene Tür, durch die sie bei jedem Stolpern zurückgehen.
Im Rettungsdienst sagten wir halb im Scherz, wir seien nur das Taxi in die Klinik. Mit der ärztlichen Abklärung ist es ähnlich. Sie ist das Taxi, das Dich zu einer Antwort bringt. Wenn Du angekommen bist, steigst Du aus.
Lies Deine Befunde einmal in Ruhe und schreib dann einen einzigen Satz auf ein Blatt, zum Beispiel: „Mein Herz wurde gründlich untersucht und es ist gesund.“ Leg es zu Deinen Unterlagen. Wenn Dein Kopf wieder fragt, ob nicht doch etwas übersehen wurde, liest Du ihm diesen Satz vor und wendest Dich wieder Deinem Tag zu.
Fazit
Das Wichtigste auf einen Blick: Eine Extrasystole ist ein verfrühter Herzschlag, danach schlägt das Herz normal weiter. Das Wort Herzrhythmusstörung umfasst auch völlig normale Alltagsphänomene. Kardiologen bewerten Extraschläge nach ihrem Anteil an allen Schlägen, und entscheidend ist, ob das Herz gesund ist. Herzrasen in Ruhe ist meist eine Sinustachykardie durch Stresshormone. Neue Beschwerden gehören zum Arzt, Warnzeichen in den Notruf. Ist Dein Herz untersucht und gesund, ist die Abklärung eine beantwortete Frage, und Du darfst aus dem Taxi aussteigen.
Das Buch zum Thema
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