Stromschläge im Kopf beim Absetzen: Was Brain Zaps sind und wie lange der Prozess dauert

Ich habe in letzter Zeit viele Kommentare zu einem Thema bekommen, das offensichtlich sehr viele Menschen beschäftigt und über das gleichzeitig erschreckend wenig gesprochen wird: das Absetzen von Antidepressiva. Ein Zuschauer schrieb, er habe Citalopram nach einem Jahr abgesetzt, sei durch die Hölle gegangen und immer noch nicht ganz beschwerdefrei. Eine andere Person berichtet von Stromschlägen im Kopf und Schwindel bei der kleinsten Kopfbewegung, und wieder jemand fragt, wie lange so ein Absetzprozess überhaupt dauert.

Vorab, wie immer bei Medikamenten: Entscheidungen rund um Antidepressiva und das Absetzen gehören in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder Psychiater. Was hier folgt, ist Hintergrundwissen.

Was Brain Zaps sind

Fangen wir mit den Stromschlägen an, weil viele das nicht kennen, bis sie es selbst erleben und dann erschrecken. Diese Empfindung hat einen Namen: Brain Zaps. Kurze, blitzartige Empfindungen im Kopf, oft begleitet von Schwindel bei Augen- oder Kopfbewegungen, manchmal auch von einem kurzen Geräusch oder einem Flackern im Sichtfeld. Sie sind an sich nicht gefährlich, aber unangenehm und belastend.

Wie entstehen sie? Antidepressiva wie Citalopram, Sertralin oder Venlafaxin beeinflussen die Signalübertragung zwischen Zellen. Das Gehirn passt sich über Monate an diese veränderte Chemie an. Fällt das Medikament weg, muss sich die Signalübertragung neu kalibrieren. Brain Zaps sind im Wesentlichen Fehler in diesem Neukalibrierungsprozess, das Nervensystem ist kurzzeitig desynchronisiert.

Wie lange dauert das Absetzen?

Die ehrliche Antwort: sehr individuell, abhängig von mehreren Faktoren.

Erstens die Substanz selbst. Manche Antidepressiva haben eine sehr lange Halbwertszeit und bleiben lange im Körper. Fluoxetin zum Beispiel baut sich so langsam ab, dass der Körper nach dem Absetzen quasi automatisch ausschleicht. Venlafaxin hingegen hat eine sehr kurze Halbwertszeit, verlässt den Körper schnell, und das Nervensystem merkt es sofort. Deshalb gilt Venlafaxin als eines der schwierigsten Antidepressiva, was das Absetzen angeht.

Zweitens spielen Dosierung und Einnahmedauer eine Rolle. Wer zwei Jahre lang eine hohe Dosis genommen hat, braucht in der Regel länger als jemand, der sechs Monate eine niedrige Dosis hatte, weil sich das Gehirn tiefer angepasst hat.

Drittens ist die Absetzgeschwindigkeit relevant, und genau hier liegt nach meiner Beobachtung der häufigste Fehler. Eine sehr behutsame Methode, etwa zehn Prozent weniger alle zwei bis vier Wochen und dabei immer schauen, wie der Körper reagiert, beschreiben viele Betroffene als hilfreich. Nur sind die wenigsten bereit, diese lange Ausschleichdauer von vornherein einzuplanen. Sie ist langsamer als das, was sogar viele Psychiater empfehlen, aber sanfter für das Nervensystem. Das Grundprinzip ist simpel: Das Nervensystem braucht Zeit, um sich an jeden neuen, niedrigeren Spiegel zu gewöhnen, bevor der nächste Schritt kommt. Geht man zu schnell, kommt das System nicht nach. Viele berichten deshalb, dass ein Absetzen über sechs Monate bis zu einem Jahr deutlich besser verläuft als über drei bis sechs Wochen. Das klingt lang, aber verglichen mit Monaten voller Absetzerscheinungen ist es oft die vernünftigere Entscheidung.

Warum Aufklärung so entscheidend ist

Ein Gedanke, der mir bei all den Kommentaren durch den Kopf geht: Viele beschreiben, dass sie von ihren Ärzten, Psychiatern und Psychologen kaum Information dazu bekommen haben. Das ist ein echtes Problem. Denn wer nicht weiß, wie man absetzt und was Brain Zaps sind, erschrickt beim ersten Auftreten und glaubt, es sei etwas Ernstes passiert. Wer nicht weiß, dass das Absetzen Monate dauern kann, denkt nach sechs Wochen, er mache etwas falsch.

Verständnis schützt nicht vor dem Symptom, aber es allein kann den Unterschied machen zwischen einem Prozess, den man aushält, und einem, der sich anfühlt wie die Hölle. Wenn du gerade mittendrin bist: Du machst nichts falsch. Dein Nervensystem tut genau das, was es tun muss. Es lernt gerade, ohne eine Stütze zu funktionieren, die es monatelang hatte. Das braucht Zeit und Geduld mit dir selbst.

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