Endlich frei von Hypochondrie: Die Angst vor Krankheiten verstehen

Ein Ziehen in der Brust. Ein Druck im Kopf. Ein Knoten, der gestern noch nicht da war. Für die meisten Menschen sind das beiläufige Körperempfindungen, die kommen und gehen. Für Dich ist es ein Alarm. Sofort beginnt das Kopfkino, Du googelst, Du tastest die Stelle ab, Du fragst Dich, ob Du zum Arzt solltest, und selbst wenn der Befund unauffällig ist, hält die Erleichterung nur kurz. Dann ist die nächste Sorge da.

Wenn Du das kennst, dann weißt Du, wie zermürbend das ist. Und vielleicht hast Du schon gehört, Du solltest einfach positiver denken oder Dich zusammenreißen. Das hilft nicht, und es trifft auch nicht den Kern. Denn bei Hypochondrie ist nicht der Körper das eigentliche Problem. Es ist der Umgang mit der Unsicherheit.

Warum die Angst trotz guter Befunde bleibt

Du warst beim Arzt, vielleicht bei mehreren. Die Untersuchungen waren in Ordnung. Eigentlich müsstest Du beruhigt sein. Trotzdem meldet sich nach kurzer Zeit der Zweifel: Hat der Arzt auch wirklich alles gesehen? Genau hier liegt der Mechanismus. Die Beruhigung von außen wirkt nur für einen Moment, weil sie die eigentliche Frage nicht beantwortet, die Dich umtreibt. Diese Frage lautet nicht: Bin ich krank? Sie lautet: Kann ich mir selbst und meinem Körper überhaupt trauen?

Solange diese tiefere Unsicherheit besteht, wird kein Befund der Welt sie dauerhaft auflösen. Dein Gehirn hat gelernt, den Körper als Quelle der Gefahr zu betrachten, und es bleibt deshalb wachsam.

Wie das Kontrollieren die Angst füttert

Was Du in dieser Situation tust, fühlt sich vernünftig an. Du beobachtest Deinen Körper genau. Du suchst im Internet nach Erklärungen. Du holst Dir eine zweite Meinung, Du tastest, Du misst, Du fragst nahestehende Menschen, ob das normal sei. All das soll Dir Sicherheit geben.

In Wahrheit bewirkt es das Gegenteil. Jede dieser Handlungen ist ein Sicherheitsverhalten, und jedes Sicherheitsverhalten sagt Deinem Gehirn dasselbe: Hier ist eine Gefahr, bleib wachsam. Du richtest Deine Aufmerksamkeit immer wieder auf den Körper, und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das wird größer. So entsteht ein Kreislauf. Die Angst treibt Dich zum Kontrollieren, das Kontrollieren bestätigt die Angst. Wie dieser Teufelskreis aus Symptomen und Panik genau funktioniert, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben.

Der Weg, der wirklich heraus führt

Der entscheidende Schritt ist unbequem und zugleich befreiend: das Kontrollieren und Rückversichern Stück für Stück sein zu lassen. Nicht das Googeln durch ein anderes Googeln zu ersetzen, sondern auszuhalten, dass die Frage für einen Moment offen bleibt. Das erzeugt zunächst Anspannung, weil Dein Gehirn gewohnt ist, sie sofort durch eine Handlung zu senken. Aber diese Anspannung steigt an, erreicht einen Höhepunkt und fällt von allein wieder ab. Und jedes Mal, wenn Du nicht kontrollierst und trotzdem nichts Schlimmes passiert, lernt Dein Gehirn ein Stück mehr: Es besteht keine Gefahr.

Genauso wichtig ist die Frage nach dem, was unter der Angst liegt. Oft steckt hinter der Sorge um den Körper eine andere Unsicherheit, ein Gefühl von Kontrollverlust, eine unverarbeitete Erfahrung, eine Lebenssituation, die sich bedrohlich anfühlt. Wer das versteht, behandelt nicht länger nur das Symptom, sondern kümmert sich um die eigentliche Ursache. Dein Körper ist dabei nicht Dein Feind. Er zeigt Dir nur, dass etwas Aufmerksamkeit braucht, und zwar an einer anderen Stelle, als Du bisher gesucht hast.

Das Wichtigste auf einen Blick: Bei Hypochondrie ist nicht der Körper das Problem, sondern der Umgang mit Unsicherheit. Beruhigung von außen verpufft, weil sie die tiefere Frage nach dem Vertrauen in den eigenen Körper nicht beantwortet. Das ständige Kontrollieren und Rückversichern ist ein Sicherheitsverhalten, das die Angst füttert statt sie zu lösen. Der Weg heraus führt darüber, das Kontrollieren loszulassen, die Anspannung abklingen zu lassen und sich um das zu kümmern, was wirklich dahintersteckt.

Wenn Du selbst betroffen bist:

Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.

In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.

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