Emotional abgrenzen ohne Schuldgefühle: So schützt Du Dich vor der Last anderer

Du spürst die Stimmung im Raum, bevor ein Wort gefallen ist. Geht es jemandem schlecht, trägst Du es mit nach Hause. Du hörst zu, hilfst, bist da, und am Ende des Tages bist Du leer, während die Sorgen der anderen weiter in Dir arbeiten. Und sobald Du daran denkst, Dich zu schützen, meldet sich ein schlechtes Gewissen. Genau dieses Zusammenspiel aus Mitfühlen und Schuldgefühl schauen wir uns hier an, denn es hat oft mehr mit Deinen Symptomen zu tun, als Du denkst.

Warum Abgrenzung sich so schwer anfühlt

Vielen Menschen wurde früh beigebracht, dass sie für die Gefühle anderer mitverantwortlich sind. Wer das verinnerlicht hat, fühlt sich schuldig, sobald jemand enttäuscht oder traurig ist, selbst wenn er gar nichts falsch gemacht hat. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Harmonie, der Wunsch, gemocht zu werden, und die Angst, durch ein Nein eine Beziehung zu gefährden.

So entsteht ein Muster, in dem Du Deine eigenen Grenzen immer wieder übergehst, um andere nicht zu belasten. Das fühlt sich zunächst nach Rücksicht an, doch der Preis ist hoch. Wer ständig die Last anderer trägt, hält das eigene Nervensystem in Daueranspannung, und genau diese Anspannung ist der Boden, auf dem körperliche Symptome wachsen.

Der Unterschied zwischen Mitgefühl und Übernahme

Mitgefühl bedeutet, dass Du wahrnimmst, wie es einem anderen geht, und ihm zugewandt bist. Übernahme bedeutet, dass Du sein Gefühl zu Deinem eigenen machst und es trägst, als wäre es Deine Aufgabe, es zu lösen. Der Unterschied ist entscheidend. Im ersten Fall bleibst Du bei Dir und kannst wirklich helfen. Im zweiten Fall verlierst Du Dich, und am Ende ist niemandem geholfen.

Du darfst lernen, beim anderen zu sein, ohne selbst unterzugehen. Das Gefühl des anderen gehört dem anderen. Du kannst es sehen, anerkennen und begleiten, ohne es Dir aufzuladen. Diese innere Trennung ist keine Kälte, im Gegenteil. Sie macht Dich erst dauerhaft fähig, für andere da zu sein, ohne selbst auszubrennen.

Abgrenzung ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge

Viele verwechseln Abgrenzung mit Härte oder Egoismus. In Wahrheit ist sie eine Form der Selbstfürsorge, und sie ist die Voraussetzung dafür, überhaupt etwas geben zu können. Eine leere Quelle spendet kein Wasser. Wer ständig über die eigenen Grenzen geht, hat irgendwann nichts mehr zu geben, weder anderen noch sich selbst.

Sich abzugrenzen heißt nicht, sich zu verschließen. Es heißt, zu entscheiden, was Du aufnimmst und was Du beim anderen lässt. Du bleibst ein warmer, zugewandter Mensch und sorgst zugleich dafür, dass Du nicht jede fremde Anspannung in Deinen Körper holst. Das ist gesund, und es ist erlaubt.

Wie Du Dich abgrenzt, ohne Schuldgefühle

Der erste Schritt ist die innere Erlaubnis. Du darfst Nein sagen, ohne es zu rechtfertigen. Ein Nein ist ein vollständiger Satz und braucht keine lange Begründung. Beobachte als Nächstes, was in Dir passiert, wenn Du Dich abgrenzt. Wahrscheinlich kommt ein unangenehmes Gefühl, ein Anflug von Schuld. Das ist normal und kein Zeichen, dass Du etwas falsch machst. Es ist nur das alte Muster, das sich meldet.

Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Du musst dieses Schuldgefühl nicht wegmachen, Du darfst es aushalten, ohne ihm sofort nachzugeben. Mit jedem Mal, in dem Du eine Grenze setzt und das unangenehme Gefühl vorübergehen lässt, wird das neue Verhalten vertrauter. So wie eine alte Überzeugung durch Wiederholung stark geworden ist, wird auch die neue Haltung durch Wiederholung stark. Du lernst, bei Dir zu bleiben, und merkst mit der Zeit, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Die anderen kommen zurecht, und Du behältst Deine Kraft.

Das Wichtigste auf einen Blick: Abgrenzung fällt schwer, weil viele gelernt haben, sich für die Gefühle anderer verantwortlich zu fühlen. Mitgefühl heißt beim anderen zu sein, Übernahme heißt, sein Gefühl zu tragen, und genau die Übernahme hält Dein Nervensystem in Daueranspannung. Abgrenzung ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge und die Voraussetzung, überhaupt geben zu können. Der Weg führt über die innere Erlaubnis, das Aushalten des Schuldgefühls und die Wiederholung, bis die neue Haltung vertraut wird.

Wenn Du selbst betroffen bist:

Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.

In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.

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