Die ganze Zeit Lieder im Kopf, ist das krank?
Ihr kennt das bestimmt: Ihr hört ein Lied und es geht einfach nicht mehr aus dem Kopf. Aber ist das wirklich so schlimm? In diesem Video reden wir über die Phänomen und erklären, ob es krankhaft ist, immer wieder dieselben Lieder im Kopf zu haben.
Warum Dein Gehirn Melodien festhält
Unser Gehirn liebt Muster, und Musik ist ein perfektes Muster: rhythmisch, wiederholend, vorhersehbar. Besonders gern bleiben Melodien hängen, die eingängig sind und nicht ganz zu Ende geführt werden. Das hat einen interessanten Hintergrund. Unser Gehirn mag keine offenen Schleifen. Wenn eine Melodie abbricht oder unvollständig bleibt, versucht es immer wieder, sie zu vervollständigen. Es spielt sie ab, in der Hoffnung, sie endlich abschließen zu können.
Das ist derselbe Mechanismus, der dafür sorgt, dass uns eine unerledigte Aufgabe nicht aus dem Kopf geht. Solange etwas als offen markiert ist, hält das Gehirn es präsent. Ein Ohrwurm ist also kein Zeichen einer Störung, sondern ein Nebeneffekt eines Gehirns, das gründlich arbeitet.
Wann es mit Anspannung zu tun hat
Spannend wird es bei der Frage, warum Ohrwürmer in manchen Phasen viel hartnäckiger sind als in anderen. Hier gibt es eine Verbindung, die viele überrascht. Wiederkehrende Melodien treten oft dann verstärkt auf, wenn wir innerlich unruhig oder angespannt sind. Der Kopf sucht nach etwas, an dem er sich festhalten kann, und eine vertraute Melodie bietet genau das.
Bei manchen Menschen wird der Ohrwurm dann selbst zum Problem, nämlich dann, wenn sie ihn als bedrohlich erleben. Sie beobachten ihn, sie wollen ihn unbedingt loswerden, sie fragen sich ständig, ob er noch da ist. Und genau dadurch halten sie ihn fest. Es ist dasselbe Prinzip wie bei körperlichen Symptomen: Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, das wird größer. Der Versuch, die Melodie mit aller Kraft wegzudrücken, ist wie der Versuch, nicht an einen rosa Elefanten zu denken.
Wie Du einen Ohrwurm wieder loswirst
Der wirksamste Weg ist paradox: Hör auf, ihn loswerden zu wollen. Wenn Du die Melodie einfach laufen lässt, ohne Dich darüber zu ärgern, verliert sie nach einer Weile ihren Reiz und verklingt von selbst. Was Du nicht bekämpfst, muss sich nicht wehren.
Es gibt außerdem einen kleinen Trick, der erstaunlich oft funktioniert. Spiel das Lied bewusst einmal ganz zu Ende, im Kopf oder tatsächlich. Du gibst Deinem Gehirn damit den Abschluss, nach dem es sucht, und die offene Schleife schließt sich. Manchen Menschen hilft auch eine andere Tätigkeit, die das Gehirn auf angenehme Weise beschäftigt, ein Gespräch, ein Spaziergang, etwas, das die Aufmerksamkeit sanft woandershin lenkt, ohne sie zu erzwingen.
Und wenn die Ohrwürmer in einer unruhigen Phase besonders stark sind, dann lohnt der Blick auf das Eigentliche. Nicht die Melodie ist dann das Thema, sondern die innere Anspannung, die sie nach oben spült. Kümmerst Du Dich um die, wird auch der Kopf wieder leiser.
Das Wichtigste auf einen Blick: Lieder im Kopf sind völlig normal und keine Krankheit. Das Gehirn hält besonders unvollständige Melodien fest, weil es offene Schleifen nicht mag. In angespannten Phasen treten Ohrwürmer verstärkt auf, und der Versuch, sie wegzudrücken, hält sie erst recht am Leben. Wer die Melodie laufen lässt, sie einmal bewusst zu Ende denkt oder sich um die zugrunde liegende Unruhe kümmert, wird sie am leichtesten wieder los.
Wenn Du selbst betroffen bist:
Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.
In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.
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