Befreie dich vom Albtraum: Depersonalisierung und Derealisation verstehen

Es ist ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt. Als würdest Du Dich selbst von außen betrachten. Als wäre eine Glasscheibe zwischen Dir und der Welt. Deine Hände sehen fremd aus, vertraute Räume wirken unwirklich, und manchmal hast Du das Gefühl, den Bezug zu Dir selbst zu verlieren. Und dann kommt der Gedanke, der alles noch schlimmer macht: Werde ich gerade verrückt?

Lass mich Dir das Wichtigste gleich zu Beginn sagen. Nein, Du wirst nicht verrückt. So bedrohlich sich dieser Zustand anfühlt, so harmlos ist er in seinem Kern. Depersonalisierung und Derealisation sind keine Geisteskrankheit. Sie sind ein Schutzmechanismus, und sie sind umkehrbar.

Was in Deinem Gehirn wirklich passiert

Stell Dir vor, ein elektrisches System ist überlastet. Damit es keinen Schaden nimmt, springt eine Sicherung heraus und kappt einen Teil des Stroms. Genau das tut Dein Gehirn in Momenten extremer Anspannung, Angst oder Erschöpfung. Wenn die emotionale Belastung zu groß wird, schaltet es einen Gang zurück und dämpft die Intensität Deines Erlebens. Es nimmt Dir gewissermaßen den vollen emotionalen Aufprall.

Das Ergebnis ist dieses Gefühl der Entfremdung. Die Welt erscheint fern, Du selbst fühlst Dich unbeteiligt. Was sich anfühlt wie ein Defekt, ist in Wahrheit eine sinnvolle Notbremse Deines Nervensystems. Dein Gehirn schützt Dich vor einer Überforderung, die es als zu viel eingestuft hat. Es macht keinen Fehler. Es tut genau das, wofür dieser uralte Mechanismus gemacht ist.

Warum die Angst davor den Zustand festhält

Das Problem ist selten der Zustand selbst, sondern Deine Reaktion darauf. Weil sich das Ganze so beunruhigend anfühlt, beginnst Du, Dich selbst zu überprüfen. Fühle ich mich noch real? Ist es schlimmer geworden? Bin ich noch ich? Genau dieses ständige Hineinspüren ist der Treibstoff des Problems.

Denn je mehr Du Deinen Zustand beobachtest und ihn als bedrohlich bewertest, desto mehr Anspannung erzeugst Du, und desto fester hält Dein Gehirn an der Schutzschaltung fest. Du gerätst in eine Falle: Die Angst vor der Entfremdung erhält die Entfremdung am Leben. Es ist derselbe Kreislauf aus Symptom und Angst, der auch bei anderen Beschwerden wirkt, und wie er sich durchbrechen lässt, habe ich an anderer Stelle beschrieben.

Wie Du wieder bei Dir ankommst

Der entscheidende Schritt ist, aufzuhören, gegen den Zustand anzukämpfen. Das klingt widersinnig, ist aber der Kern. Solange Du das Gefühl bekämpfst und es sofort loswerden willst, signalisierst Du Deinem Gehirn Gefahr, und die Sicherung bleibt draußen. Wenn Du dagegen lernst, den Zustand für einen Moment sein zu lassen, in dem Wissen, dass er harmlos ist und vergeht, nimmst Du ihm die Dringlichkeit.

Hilfreich ist außerdem, Dich sanft im Hier und Jetzt zu verankern, statt nach innen zu horchen. Spüre den Boden unter Deinen Füßen, nimm bewusst drei Dinge wahr, die Du hören kannst, halte etwas Kühles in der Hand. Das holt Deine Aufmerksamkeit aus dem Grübeln zurück in die Gegenwart. Vor allem aber lohnt sich der Blick auf das Eigentliche. Die Sicherung ist nicht ohne Grund herausgesprungen. Irgendetwas in Deinem Leben oder in Deinem Inneren war zu viel. Kümmerst Du Dich um diese Überlastung, dann braucht Dein Gehirn die Notbremse nicht mehr, und das Gefühl der Entfremdung verschwindet von selbst.

Das Wichtigste auf einen Blick: Depersonalisierung und Derealisation sind kein Zeichen von Wahnsinn, sondern ein Schutzmechanismus des Gehirns bei Überlastung, vergleichbar mit einer Sicherung, die herausspringt. Bedrohlich wird der Zustand vor allem durch die Angst davor und das ständige Hineinspüren, das ihn festhält. Der Weg zurück führt darüber, den Zustand nicht zu bekämpfen, sich im Hier und Jetzt zu verankern und sich um die eigentliche Überlastung dahinter zu kümmern.

Wenn Du selbst betroffen bist:

Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.

In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.

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